Neuschwanstein in der Abendsonne von der Colomanstraße (Foto: HK)

Sagenhafte Ritterburg Ludwigs II

Schloss Neuschwanstein

Sagenhafte Ritterburg Ludwigs II

Schloss Neuschwanstein

Sie ist unvollendet, aber weltberühmt. Inbegriff einer mittelalterlichen Ritterburg: stolz, imposant, märchenhaft! Ein Meisterstück burgenromantischer Baukunst des 19. Jahrhunderts. Inspiriert von Wagners Bühnenbildern und Heldensagen des Mittelalters. Ludwigs II. Vision einer idealen Burg. Akribisch durchdacht bis ins Detail. – In Neuschwanstein erlebt der König die bittersten Stunden seines Lebens. Hier werden ihm Thron und Freiheit genommen…

» Der Punkt ist einer der schönsten, die zu finden sind, heilig und unnahbar – umweht von Himmelsluft.

– Ludwig an Wagner, 13. Mai 1868

» …im echten Stil der alten deutschen Ritterburgen…

– Ludwig an Wagner, 13. Mai 1868

Stilecht gegen den Trend

Über den heutigen Zustand Neuschwansteins wäre der König entsetzt – nicht nur wegen der Massen von Touristen. Das Kernstück der Anlage fehlt! Nach Ludwigs Plänen hätte ein mächtiger, 90 Meter hoher Bergfried mit Kapelle die Burg beherrschen sollen. Erst dieses stauferzeitliche Element hätte den Anblick einer „echten Ritterburg“ geboten. Der Bergfried hätte den Viereckturm (45 m) und den Treppenturm am Palas (65 m) weit überragt – und einen ganz anderen optischen Gesamteindruck erzeugt, als ihn die Burg heute bietet. Bei Ludwigs Tod 1886 war dieser Bergfried nur in Fundamenten vorhanden. Er wurde nie verwirklicht – ebenso wenig wie der Maurische Saal, das Ritterbad und die Terrassenanlage. Das weltberühmte Märchenschloss Ludwigs II. ist ein unvollendeter Torso.

Ludwig II. 1867 – Foto-AK gel. 1900 (Sammlung HK)

Romanische Stilelemente am Palas (Foto: HK)

Bühnenbilder werden Wirklichkeit

Im Laufe des Jahres 1867 nahm Ludwigs Idee Gestalt an. Er war mit den Vorbereitungen für die Münchner Neuinszenierungen der Wagner-Opern „Lohengrin“ und „Tannhäuser“ beschäftigt. Mustergültige Aufführungen im Wagnerschen Sinne sollten es werden: Gesamtkunstwerke in musikalischer Darbietung, Inszenierung, Kostüm und Bühnenbild. Ludwig nahm persönlich Einfluss auf die künstlerische Gestaltung. – Es waren die Bühnenbilder mit Idealansichten mittelalterlicher Burgen, die ihn auf die Idee brachten, eine solche Burg Wirklichkeit werden zu lassen. Stolz verkündet er Wagner am 13. Mai 1868 seine Pläne: „Auch Reminiszenzen aus Tannhäuser (Sängersaal mit Aussicht auf die Burg im Hintergrunde) und Lohengrin (Burghof, offener Gang, Weg zur Kapelle) werden Sie dort finden.“ – Der Komponist geht nicht darauf ein. Überhaupt nimmt Wagner wenig Anteil an Ludwigs Kunstschaffen. Böse Zungen meinen, er sah in den Schlössern seine Geldquelle versiegen.

» Nach der Sage – nicht nach Wagner!

– Ludwig an Wagner, 13. Mai 1868

Wagners Tannhäuser: Sünden, Sängerkrieg und Heilige

Die Wagner-Oper mixt den Stoff dreier thüringischer Sagen und Legenden: um den Ritter Tannhäuser, der nach einem Liebesabenteuer im Venusberg nach Rom pilgert, wo ihm ein sturer Papst die Absolution verweigert; Gott selbst überstimmt schließlich den Papst und Tannhäusers Sünden werden vergeben; dann um den sagenhaften Sängerkrieg auf der Wartburg, zu dem Thüringens Landgraf Hermann I. im Jahr 1206 die bedeutendsten Minnesänger seiner Zeit einlädt, darunter Wolfram von Eschenbach (ca.1180-1220), Walther von der Vogelweide (ca.1170-1230), und einen gewissen Heinrich von Ofterdingen, der in Ungnade fällt; schließlich noch die Heiligenlegende der Landgräfin Elisabeth von Thüringen (1207-1231), die – als ihr Gemahl Landgraf Ludwig IV. (1200-1227) beim Fünften Kreuzzug ums Leben kommt – ein Gelübde erfüllt und sich dem christlichen Armutsideal verschreibt: Sie verlässt die Wartburg und widmet ihr Leben als Spitalschwester den Kranken und Notleidenden.

Keine Anachronismen
Hier zweizeilig werden!

Es entsprach dem Kunstideal der Zeit, wenn der König wollte, dass Bauwerk und Bühnenbilder wirklichkeitsgetreu und historisch genau, naturalistisch und zugleich poetisch verklärt sein sollten. Dafür betrieb er akribische Studien: Er las historische Quellen und Fachbücher, zog Mittelalter-Experten wie Hyazinth Holland (1827-1918) zurate und ließ Bilder der Originalschauplätze beschaffen, um die Entwürfe der Bühnenmaler daran zu messen. Dabei entwickelte er eigene künstlerische Visionen – auch entgegen den Vorstellungen Wagners. 1879 ordnete er an: „Die Bilder in der neuen Burg sollen nach der Sage und nicht nach der Wagnerischen Angabe gemacht werden.“ – Der sachkundige König störte sich an Wagners Anachronismen (= falsche zeitliche Einordnung von Ereignissen, Personen und Objekten).

Die Wartburg – Schauplatz des Sängerkriegs (AK gel. 1921 – Sammlung HK)

Ludwigs Sängersaal AK ungel. 1913 (Sammlung HK)

Bayernkönig besucht Wartburg

Für die „Tannhäuser“-Inszenierung verschafft sich der König Eindrücke aus eigener Anschauung: Am 31. Mai 1867 reist er mit Bruder Otto und Flügeladjutant Sauer nach Thüringen zu den historischen Schauplätzen der Oper. Die Wartburg befand sich seit 1838 im Wiederaufbau. Der Gießener Architekt Hugo von Ritgen (1811-1889) schuf hier im Auftrag des Großherzogs von Sachsen-Weimar-Eisenach (1818-1901) ein Prunkstück der Burgenromantik. Ludwig ist beeindruckt von dem geschichtsträchtigen Ort: Hier übersetzte Luther 1521/22 die Bibel ins Deutsche, feierte die Jenaer Urburschenschaft 1817 das Wartburgfest. Dem Bayernkönig wird gestattet, allein und ungestört den Sängersaal mit Sängerlaube und Monumentalfresko des Sängerkriegs zu besichtigen. Er sieht auch den gerade fertiggestellten Festsaal, der an die Zeiten des staufischen Rittertums erinnert. Beide Räume – Sängersaal und Festsaal – wird Ludwig in Neuschwanstein zu einer eigenen Variante kombinieren. Sein Sängersaal ist der Parzival-Sage und der Gralslegende gewidmet. – Nach Übernachtung in Eisenach ersteigt der König den Hörselberg und besichtigt die Venusgrotte, die er 1875 in Linderhof nachbauen lässt.

» Ein Gebäude restaurieren heißt nicht, es zu erhalten, zu reparieren oder es wieder aufzubauen…

– Eugène Viollet-le-Duc (1865)

» Ich habe darin die bittersten Stunden meines Lebens durchlebt…

– Ludwig II. beim Abschied von Neuschwanstein am 12. Juni 1886

Literatur u.a.:
Bernhard Lübbers, Marcus Spangenberg (Hg.), Traumschlösser? Die Bauten Ludwigs II. als Tourismus- und Werbeobjekte, Regensburg 2015.