Murnauer Ludwig-Denkmal (Foto: H.K.)

Internationaler Aufreger

Murnauer Ludwig-Denkmal

Internationaler Aufreger

Murnauer Ludwig-Denkmal

Im Jahr 1894 wird in Murnau am Staffelsee ein Denkmal für Ludwig II. errichtet. Das Ereignis erregt ganz Bayern und das Reich, wird sogar international diskutiert. Acht Jahre nach Verhaftung und Tod des König entzündet sich der Volkszorn an einer Marmorbüste: Ein Pressekrieg zwischen königstreuen und prinzregentenfreundlichen Zeitungen entbrennt und der Staatsanwalt ermittelt.

von Heidi Korte

Gegen den "preußischen Militarismus"

Gleich nach Ludwigs Tod leitete das Regime des Prinzregenten Veränderungen ein, die in Altbayern als Provokation ankamen: Die Einführung der preußischen Pickelhaube beim bayerischen Militär war eine Demütigung der „altbayerischen Volksseele“. Man hielt das für eine Verbeugung des Prinzregenten vorm „preußischen Militarismus“. Neuerdings durften mitten im Sommer große Manöver mit Scharfschießübungen abgehalten werden; dafür mussten ganze Dörfer geräumt werden. Hinzu kamen hohe Steuern “für die Rüstungspolitik der ehrgeizigen Preußen“.

"Arm weg'n dem Reich"

Schon die Reichsgründung 1871 hatte das altbayerische Selbstgefühl gekränkt: Man war von jeher auf Eigenständigkeit und Unabhängigkeit bedacht. Nun wurde die Zugehörigkeit zum Reich – die „preußische Bevormundung“ – auch noch existenzbedrohend: Reichskanzler Caprivi hatte in den 1890er Jahren die Schutzzölle auf Agrarimporte gesenkt, im Interesse der deutschen Exportindustrie. Eine schwere Agrarkrise war die Folge: Billige Getreideeinfuhren ruinierten die Preise und die Existenz vieler Bauern im Reich. Das ländlich geprägte Altbayern traf die Krise besonders hart.

Erfolgreiche PR

Das Murnauer Projekt löste unter bayerischen Patrioten und Königstreuen Begeisterung aus. Spontan bildete sich in München ein Bürgerkomittee, um die Sache finanziell und propagandistisch zu fördern. Darunter Journalisten, wie der Herausgeber des Münchener Tagblatts, Ludwig Schuh. Nun häuften sich Pressemeldungen über den Stand der Vorbereitungen. Mehr als 300 Zeitungen im In- und Ausland berichteten regelmäßig – darunter 20 österreichische, 12 schweizerische, 14 italienische, 2 russische und 18 deutschamerikanische. Mit Stolz wurde mitgeteilt, dass auslandsdeutsche Vereine aus Straßburg, Budapest und New York ihre Teilnahme angesagt hatten. Die Folge: Eine wahre Flut von Anmeldungen zur Enthüllungsfeier, die den Organisatoren über den Kopf wuchs.

„Sabotage!“

Die bayerische Regierung beobachtete den triumphalen Patriotismus, den das Murnauer Projekt entfachte, mit wachsendem Unmut. Auch gab es zaghafte Versuche der Obrigkeit, die aus ihrer Sicht unerwünschte Veranstaltung zu sabotieren: Das Aushängen von Werbeplakaten wurde verboten. Das Forstamt Walchensee verweigerte die Genehmigung für die Bergfeuer. Die Bayerische Staatsbahnverwaltung gewährte nur widerwillig Preisnachlässe und Sonderzüge für die Festteilnehmer. Auch darüber berichteten natürlich die patriotischen Zeitungen und heizten damit die Volkstimmung weiter an. – Man durfte gespannt sein, wie das Fest unter diesen Voraussetzungen verlaufen würde.

Staatsanwalt: "Majestätsbeleidigung!"

Der größte Aufreger waren Berichte, in Murnau seien während der Feier ungeheuerliche Beleidigungen gegen den Prinzregenten zu hören gewesen. Der Wortlaut derselben sei aber unaussprechlich, so dass er nicht mitgeteilt werden könne. (Womöglich Sprüche wie: „König Ludwig steh auf und regier! Prinzregent Luitpold leg di nieder und krepier!“)

Schlimmer noch: In der Nacht vor der Feier hatten „Majestätsfrevler“ die Garmischer Prinzregenten-Büste zertrümmert und in die Loisach geworfen. Die gegnerische Presse sprach von “offener Rebellion”. Jetzt ermittelte der Staatsanwalt in Murnau und Garmisch – wegen Majestätsbeleidigung.

Alibis und Versöhnung

Die Missetäter wurden nie gefunden. Das ganze Oberland hatte hieb- und stichfeste Alibis. Zudem fand sich niemand, der die Prinzregenten-Büste wieder herstellen wollte. Da wurde es peinlich für Luitpold. –

Seine Berater beschlossen wohl, dass es besser sei, den Mantel der christlichen Nächstenliebe über alles zu decken. Am Ende spendete Luitpold 4000 Mark – für das Murnauer Ludwig-Denkmal – nachträglich.

Literatur:

Franz Merta, „Auf nach Murnau zur Denkmalsenthüllung“. Die Gründungsgeschichte des König-Ludwig-Denkmals in Murnau im Spiegel von zeitgenössischen Zeitungsberichten, in: Schriften des Historischen Vereins Murnau am Staffelsee e.V., Jahrbuch 1995, 143-169.

Dietmar Schulze, Ludwig II. Denkmäler eines Märchenkönigs. (Schriftenreihe des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, Nr. 2), München 2011, 98-100.

Mario Praxmarer, Peter Adam, König Ludwig II. in der Bergeinsamkeit von Bayern und Tirol, Garmisch-Partenkirchen 2002, 65-69.

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