Murnauer Ludwig-Denkmal (Foto: H.K.)
Internationaler Aufreger
Murnauer Ludwig-Denkmal
Internationaler Aufreger
Murnauer Ludwig-Denkmal
Im Jahr 1894 wird in Murnau am Staffelsee ein Denkmal für Ludwig II. errichtet. Das Ereignis erregt ganz Bayern und das Reich, wird sogar international diskutiert. Acht Jahre nach Verhaftung und Tod des König entzündet sich der Volkszorn an einer Marmorbüste: Ein Pressekrieg zwischen königstreuen und prinzregentenfreundlichen Zeitungen entbrennt und der Staatsanwalt ermittelt.
von Heidi Korte
Königstreu - Gibt's das noch?
Im bayerischen Oberland wurde Ludwig II. schon zu Lebzeiten hochverehrt. Mancherorts führten Absetzung und Tod des Königs 1886 beinahe zum Aufruhr. Die Gebirgler waren aufgebracht und nachhaltig verstimmt. Wer etwa wagte zu behaupten, der König sei „geisteskrank“ gewesen, dem drohte im Oberland – eine Tracht Prügel. Man hatte Zweifel: Ob damals alles mit rechten Dingen zuging?
Bald 150 Jahre danach gibt’s das noch: Der „Königstreue“ hält König Ludwig II. in Ehren und auch den Argwohn gegenüber der Obrigkeit. Das Eintreten für den Bayernkönig hat eine politische Dimension.
Die historischen Wurzeln dieser Haltung verdeutlicht – beispielhaft – die Gründungsgeschichte des Murnauer Ludwig-Denkmals.
Gegen den "preußischen Militarismus"
Gleich nach Ludwigs Tod leitete das Regime des Prinzregenten Veränderungen ein, die in Altbayern als Provokation ankamen: Die Einführung der preußischen Pickelhaube beim bayerischen Militär war eine Demütigung der „altbayerischen Volksseele“. Man hielt das für eine Verbeugung des Prinzregenten vorm „preußischen Militarismus“. Neuerdings durften mitten im Sommer große Manöver mit Scharfschießübungen abgehalten werden; dafür mussten ganze Dörfer geräumt werden. Hinzu kamen hohe Steuern “für die Rüstungspolitik der ehrgeizigen Preußen“.
"Arm weg'n dem Reich"
Schon die Reichsgründung 1871 hatte das altbayerische Selbstgefühl gekränkt: Man war von jeher auf Eigenständigkeit und Unabhängigkeit bedacht. Nun wurde die Zugehörigkeit zum Reich – die „preußische Bevormundung“ – auch noch existenzbedrohend: Reichskanzler Caprivi hatte in den 1890er Jahren die Schutzzölle auf Agrarimporte gesenkt, im Interesse der deutschen Exportindustrie. Eine schwere Agrarkrise war die Folge: Billige Getreideeinfuhren ruinierten die Preise und die Existenz vieler Bauern im Reich. Das ländlich geprägte Altbayern traf die Krise besonders hart.
"Unter Ludwig war alles besser"
Wo sich der Volkszorn Luft machte, hörte man immer wieder den Satz: „Unter König Ludwig wäre sowas nie zugelassen worden!“ Je mehr man sich auf Eigenschaften Ludwigs II. besann, die man unter dem Prinzregenten vermisste, desto mehr wuchs posthum das Ansehen des Königs: Ludwig als Gegner des Militarismus und des deutschnationalen Großmachtstrebens; als Verteidiger der bayerischen Eigenständigkeit, der seinen Bayern ein Mindestmaß an Selbstständigkeit gerettet hatte; als Schirmherr der Bedrängten und Wohltäter der Notleidenden, der oft unbürokratisch und großzügig geholfen hatte.
Volkszorn gegen den Prinzregenten
Hinzu kam das Verhalten des Prinzregenten selbst: Nicht nur, dass Luitpold die Hochgebirgsjagd wiederbelebte, so dass schon im August manche Hochalm geräumt werden sollte. Unverzeihlich war, dass der Prinzregent sich weigerte, ein Denkmal für den „unvergesslichen Ludwig II.“ zu unterstützen. Aber für Kaiser-Wilhelm- und Bismarck-Denkmäler übernahm er Schirmherrschaften. Die Rufe nach einem Ludwig-Denkmal wurden immer lauter. Sie waren Ausdruck des wachsenden Protests und Volkszorns gegen das Prinzregenten-Regime.
Posthalter plant Denkmal in Murnau
In die aufgebrachte Volksstimmung hinein traf im April 1894 die Nachricht, dass man in Murnau bereits seit einem Jahr eine Denkmalsgründung vorbereite. Die Statue sei schon in Arbeit. Das Murnauer Denkmalkomitee hatte die Büste bei dem Münchner Bildhauer Johann Nepomuk Hautmann (1820-1903) in Auftrag gegeben – in dreifacher Lebensgröße aus Carrara-Marmor. Die Enthüllungsfeier sei für den Ludwigstag, den 25. August 1894, geplant.
Initiator des Projekts war der Murnauer Postwirt August Bayerlacher (1857-1895), auch Vorsitzender des 1893 gegründeten Murnauer Gebirgstrachtenerhaltungsvereins. Bayerlacher war ein glühender Verehrer des Königs, der oft bei ihm im „Gasthof zur Post“ logiert hatte. Für das Denkmal stellte Bayerlacher sein Grundstück an der Kohlgruber Straße zur Verfügung, durch die der König mit der Kutsche gefahren war.
Erfolgreiche PR
Das Murnauer Projekt löste unter bayerischen Patrioten und Königstreuen Begeisterung aus. Spontan bildete sich in München ein Bürgerkomittee, um die Sache finanziell und propagandistisch zu fördern. Darunter Journalisten, wie der Herausgeber des Münchener Tagblatts, Ludwig Schuh. Nun häuften sich Pressemeldungen über den Stand der Vorbereitungen. Mehr als 300 Zeitungen im In- und Ausland berichteten regelmäßig – darunter 20 österreichische, 12 schweizerische, 14 italienische, 2 russische und 18 deutschamerikanische. Mit Stolz wurde mitgeteilt, dass auslandsdeutsche Vereine aus Straßburg, Budapest und New York ihre Teilnahme angesagt hatten. Die Folge: Eine wahre Flut von Anmeldungen zur Enthüllungsfeier, die den Organisatoren über den Kopf wuchs.
„Sabotage!“
Die bayerische Regierung beobachtete den triumphalen Patriotismus, den das Murnauer Projekt entfachte, mit wachsendem Unmut. Auch gab es zaghafte Versuche der Obrigkeit, die aus ihrer Sicht unerwünschte Veranstaltung zu sabotieren: Das Aushängen von Werbeplakaten wurde verboten. Das Forstamt Walchensee verweigerte die Genehmigung für die Bergfeuer. Die Bayerische Staatsbahnverwaltung gewährte nur widerwillig Preisnachlässe und Sonderzüge für die Festteilnehmer. Auch darüber berichteten natürlich die patriotischen Zeitungen und heizten damit die Volkstimmung weiter an. – Man durfte gespannt sein, wie das Fest unter diesen Voraussetzungen verlaufen würde.
Enthüllungfest mit zünftigem Programm
Das Denkmalfest war eine große, gelungene Sache. 40.000 Menschen strömten nach Murnau, das damals nur 300 Häuser hatte! Drei Tage wurde gefeiert, vom 25. bis 27. August 1894.
Das Festprogramm (siehe Abbildung) bot alles, was im Oberland dazugehört: Bergfeuer, Böller- und Kanonensalven, Festzug mit Blasmusik und Schuplattl-Tanz.
Es gab auch eine „Ovation für Se. Kgl. Hoheit den Prinzregenten“. Doch: Die politische Prominenz blieb fern. Das Königshaus entsandte keinen Vertreter…
Kampagne gegen den "Königskult"
Getrübt wurde die Freude im Nachgang, als die regierungsfreundliche Presse eine Kampagne startete, die Murnau reichsweit in Verruf und wochenlang in die Schlagzeilen brachte:
Das Fest sei nichts als ein „Riesenbesäufnis“ gewesen, reine „Geldmacherei“ auf Kosten des verstorbenen Ludwigs II. Der „Kult“ um den König offenbare die „bodenlose Beschränktheit und Verdummtheit der bayerischen Bevölkerung“. Einen „geistig umnachteten König wie einen Heiligen zu verehren“, sei absurd.
Außerdem sei in Murnau massenhaft „Schundliteratur“ verkauft worden, darunter jene „hirnverbrannte Broschüre“ eines Theaterstücks namens „König Ludwig II. und sein Bergvolk“. Was die Zeitungen nicht erklärten: In dem Stück redet der verstorbene König mit dem Herrgott persönlich; und der verspricht ihm, die Preußen aus Bayern zu vertreiben und vom Erdboden zu tilgen. —
Staatsanwalt: "Majestätsbeleidigung!"
Der größte Aufreger waren Berichte, in Murnau seien während der Feier ungeheuerliche Beleidigungen gegen den Prinzregenten zu hören gewesen. Der Wortlaut derselben sei aber unaussprechlich, so dass er nicht mitgeteilt werden könne. (Womöglich Sprüche wie: „König Ludwig steh auf und regier! Prinzregent Luitpold leg di nieder und krepier!“)
Schlimmer noch: In der Nacht vor der Feier hatten „Majestätsfrevler“ die Garmischer Prinzregenten-Büste zertrümmert und in die Loisach geworfen. Die gegnerische Presse sprach von “offener Rebellion”. Jetzt ermittelte der Staatsanwalt in Murnau und Garmisch – wegen Majestätsbeleidigung.
Alibis und Versöhnung
Die Missetäter wurden nie gefunden. Das ganze Oberland hatte hieb- und stichfeste Alibis. Zudem fand sich niemand, der die Prinzregenten-Büste wieder herstellen wollte. Da wurde es peinlich für Luitpold. –
Seine Berater beschlossen wohl, dass es besser sei, den Mantel der christlichen Nächstenliebe über alles zu decken. Am Ende spendete Luitpold 4000 Mark – für das Murnauer Ludwig-Denkmal – nachträglich.
Ludwig-Denkmal damals: Symbol des Protests
Wie konnte die Errichtung einer Mamorbüste so polarisieren und aufregen? Für die Menschen damals symbolisierte das Murnauer Ludwig-Denkmal mehr als eine Huldigung des verstorbenen Königs. Das galt für Unterstützer wie Gegner des Projekts.
Die Unterstützer erkannten darin eine Gelegenheit, ihren politischen Unmut zu demonstrieren. 40.000 Teilnehmer – das war keine Gefühlsduselei, sondern Protest; gegen eine Regierungsweise, die sich über die Volksmeinung hinwegsetzte und die Anliegen der Menschen ignorierte. Nicht zuletzt war da immer noch Argwohn und Zweifel im Spiel: Was war dem König widerfahren? Unvergesslich. –
Obrigkeit und gegnerische Presse deuteten das „Fest“ – durchaus richtig – als Demonstration und Zeichen von Auflehnung.
Vorbild und lebendige Tradition
Das Projekt von Murnau war beispielgebend. Es folgten weitere Ludwig-Denkmäler, zunächst 1895 in Partenkirchen, dann in Franken und außerhalb Bayerns.
In Murnau wird das Denkmal noch immer alljährlich zum Ludwigstag, dem 25. August, geschmückt. Murnauer Tachtler und Gebirgsschützen marschieren mit klingendem Spiel durch den Markt, um Ludwig II. mit einer Serenade zu ehren und an die Denkmalsgründung zu erinnern.
Literatur:
Franz Merta, „Auf nach Murnau zur Denkmalsenthüllung“. Die Gründungsgeschichte des König-Ludwig-Denkmals in Murnau im Spiegel von zeitgenössischen Zeitungsberichten, in: Schriften des Historischen Vereins Murnau am Staffelsee e.V., Jahrbuch 1995, 143-169.
Dietmar Schulze, Ludwig II. Denkmäler eines Märchenkönigs. (Schriftenreihe des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, Nr. 2), München 2011, 98-100.
Mario Praxmarer, Peter Adam, König Ludwig II. in der Bergeinsamkeit von Bayern und Tirol, Garmisch-Partenkirchen 2002, 65-69.







