Unweit der Kenzenhütte stürzt der Kenzenbach von einer 40 m hohen Geländestufe – (Foto: HK)
Bergresidenz mit Wasserfall
Königshaus Kenzen
von Heidi Korte
Bergresidenz mit Wasserfall
Königshaus Kenzen
von Heidi Korte
Im Herzen des Ammergebirges – unweit der heutigen Einkehr „Kenzenhütte“ im Naturschutzgebiet Kenzen – lag das Königshaus Kenzen: eine Bergresidenz, die König Max II. in den 1850er Jahren zum Jagdstützpunkt ausgebaut hatte. Auch Ludwig II. kam alljährlich im Sommer, um die Natur zu genießen: die malerische Wankerfleckwiese und den brausenden Kenzenwasserfall. Hier arrangierten Maschinisten des Hoftheaters einen aufwendigen Feuer- und Wasserzauber…
Vom kurfürstlichen Wald zur Waldkörperschaft
Unter Kurfürst Max IV. Joseph wurde Bayern ab 1799 – auf Wunsch Napoleons – modernisiert. Die Klöster wurden aufgelöst und enteignet. Ein Großteil des Ammergebirges war Klosterwald, der nun Staatswald wurde. Ausnahme: das Kenzengebiet. Es gehörte zur Reichsherrschaft Hohenschwangau, war also kurfürstliches Territorium. Hier wurde anders modernisiert: Zwischen 1799 und 1805 überführte Max IV. Joseph Teile der kurfürstlichen Wälder in Privateigentum. Damit sollten die uralten Waldnutzungsrechte der Untertanen an den Wäldern für immer abgegolten werden, zur vereinfachten Verwaltung (=Waldpurifikation).
So kam es, dass Trauchgebirge und Kenzengebiet 1799 – mitten im napoleonischen Krieg – den Pfarrgemeinden Trauchgau und Niederhofen überschrieben wurden; mit der Auflage, den Wald zu parzellieren und „erbrechtlich verbrieft“ an die Berechtigten zu verteilen. Jedoch: Vermessung und Parzellierung wurden nicht zeitnah in Angriff genommen. Als 1808/1818 auch noch die Gemeinden reformiert wurden, waren die Rechts- und Eigentumsverhältnisse offenbar verworren. Es kam zum jahrzehntelangen Rechtsstreit zwischen den Anspruchsberechtigten und den Gemeinden Buching und Trauchgau, die den Wald inzwischen ungeteilt als Gemeindewald betrachteten. Erst 1869 wurde der Streit gerichtlich beigelegt – und die noch heute bestehende Waldkörperschaft Buching-Trauchgau gegründet.
Vom Jagdregal zur königlichen Jagdpacht
1799 wurde das Jagdregal als Hoheitsrecht des Herrschers abgeschafft. Im Gegenzug behielt sich Kurfürst Max IV. Joseph (der sich ab 1806 König Max I. Joseph nennen durfte) für sein Haus das ausschließliche Jagdrecht in sogenannten „Leibgehegen“ vor. Die Kosten für Jagdgebäude, Wege und Wildhege in diesen Revieren trug die königliche Zivilliste.
Nach den Wirren der 1848er Revolution sorgte König Max II. für eine grundlegende Neuordnung des bayerischen Jagdrechts. Im Ammergebirge, wo die Wilderei großen Schaden angerichtet hatte, ließ er für die Hebung des zerrütteten Wildbestandes sorgen. So konnte er dort – in seinem Leibgehege Hohenschwangau – ab 1851 regelmäßig Hofjagden abhalten.
Kenzengebiet und Trauchberge grenzten unmittelbar an das Leibgehege. Daher pachtete Max II. 1853 die Reviere Trauchgau und Buching von den gleichnamigen Gemeinden hinzu. Der Pachtvertrag wurde bis zum Ende der Monarchie 1918 regelmäßig erneuert. In den Trauchbergen jagte man Berghirsche, am Buchenberg (1142 m) ging es zur Auerhahnjagd. Die „Gumpe“ – ein wunderschönes Kar zwischen Hochplatte (2082 m) und Geiselstein (1882 m) – war ein beliebter Jagdbogen für Gamswild.
Franz von Kobell: Erschließung des Gebirges durch Max II.
„Als der König die Regierung antrat [=1848], war für Alpenwege und Birschsteige sehr wenig gethan worden, auch Jägerhütten waren selten, Sennhütten und die kleinen Heustadel dienten zum Nachtquartier. …[E]r ließ dann in allen Jagdrevieren dergleichen herstellen; die oft kaum fahrbaren Wege wurden zu guten Straßen gemacht, Reitwege angelegt und Steige nach den Jagdständen. Da wurden viele Leute zum Theil aus armen Thälern beschäftigt und viel Geld verdient und viele Schönheiten des Gebirges sind dadurch erst aufgeschlossen und zugänglich gemacht worden.“
– Franz von Kobell, Erinnerungsblatt für Maximilian II., 1864.
Ausbau zur Jagdresidenz Max' II.
Anfang der 1850er Jahre begann Max II. (reg. 1848 – 1864) seine Reviere im Ammergebirge zu erschließen. Hofbaurat Ziebland lieferte Entwürfe für einfache Jagdhütten in Holzbauweise. Zunächst entstand das Tegelberghaus (1707 m), dann – in etwas kleinerer Ausführung – das Jagdhaus Kenzen (1260 m) und die Buching-Jagdhütte. Die Jagdstützpunkte wurden bald um Nebengebäude erweitert: für Küche, Jagdpersonal und Kavaliere. Auch erwarb Max II. eine alte, etwas höher gelegene Branntweinbrennerhütte (1294 m). Sie existiert noch heute: Es ist die Einkehr „Kenzenhütte“ der Waldkörperschaft Buching-Trauchgau.
Die Gemeinden verpachteten ihre Jagden gerne an den König. Er zahlte gut, investierte in Bau und Unterhalt von Straßen, Reitwegen und Jagdsteigen und stellte damit rund ums Jahr Leute in Lohn und Brot. 1859 erteilte Max II. dem königlichen Oberförster Anton Baumgärtner von Buching den Auftrag, die Halblechstraße bis zum Reiselsberg für 12.000 Gulden auszubauen. Ludwig II. investierte 1869 in den Weiterbau bis zur Kenzen. Auf dieser Straße – im Volksmund „Königssträßl“ genannt – pendelt heute der Kenzenbus von Halblech zur „Kenzenhütte“.
Kenzen als Bergresidenz Ludwigs II.
König Ludwig II. (reg. 1864 – 1886) besuchte die Kenzen-Jagdhütte jährlich im Juni/Juli im Rahmen seines Bergfahrtenprogramms. Dabei reiste er von Schloss Berg am Starnberger See über Steingaden an und fuhr von Halblech das Königssträßl hinauf durchs romantische Haldblechtal. Er blieb stets 2-3 Tage, bevor er sich nach Hohenschwangau begab. Unter Ludwig II. wurde die Kenzen-Jagdresidenz um eine Unterkunftshütte für Lakaien und einen Pferdestall erweitert.
In den frühen Regierungungsjahren – als sein Bergfahrtenprogramm noch nicht etabliert war – sind auch Aufenthalte zu anderen Jahreszeiten belegt. Als junger König nutzte Ludwig II. das Kenzen-Jagdhaus oft spontan, im Rahmen sportlicher Reitausflüge durchs Ammergebirge, die er von Hohenschwangau oder Linderhof aus unternahm.
Leider wurde das Königshaus Kenzen im Jahr 1939 „in unverantwortlicher, geradezu vandalischer Weise von dem damaligen Jagdpächter Filser aus Augsburg niedergerissen“, wie die Waldkörperschaft Buching-Trauchgau in ihrer Jubiläumsschrift berichtet. Obwohl es „in bestem Zustand“ war, ersetzte jener Jagdpächter das historische Gebäude durch einen Neubau, unmittelbar neben dem alten Standort. So existiert heute nur noch der einstige königliche Pferdestall. Er dient als Stützpunkt der Bergwacht Peiting-Schongau.
Zeitungsmeldungen: Seine Majestät auf der "Kainzen-Alpe"
„München, 15. Sept. [1865] S.M. der König hat sich auf mehrere Tage von Hohenschwangau aus, um reine und erfrischende Gebirgsluft zu genießen, auf die Berge begeben und zwar weilte derselbe zuerst auf dem Tegelberg (…). Von da begab er sich am verflossenen Mittwoch auf die sogenannte Kainzen-Alpe, welche einige Stunden entfernter in einem von Bergen eingeschlossenen romantischen Thale liegt. In Begleitung des Königs befindet sich Staatsrath v. Pfistermeister, und nur ein Diener. Die laufenden Staatssachen gehen täglich von und zu.“
– Meldung der Augsburger Postzeitung vom 16. September 1865.
„Aus Buching. Se. Majestät König Ludwig II. hielt sich bei uns auf der Kenzen-Alpe 4 Tage lang auf. Sonntag früh 1/2 6 Uhr ging Se. Majestät ohne Führer und Bedienstete den weiten Weg von 3 Stunden nach Buching und hörte dort in der ganz einfachen Kapelle die hl. Messe. Das mögen sich die Sonntagsschänder merken!“
– Meldung im „Wochenblatt für das christliche Volk“ vom 5. November 1865.
Benaglische Nächte mit Feuer- und Wasserzauber
Etwa 300 Meter südlich der heutigen Kenzenhütte stürzt der Kenzenbach zwischen Vorderscheinberg (1827 m) und Kenzenkopf (1745 m) in einem 40 Meter hohen Wasserfall über eine Geländestufe. Am Fuße des Wasserfalls stand zu Zeiten Ludwigs II. ein kleiner Pavillon („Salettchen“), sechseckig mit 3,5 Metern Durchmesser, Tür und Fenstern. Wenn der König in der Kenzen war, wurde der Weg zum Wasserfall des Nachts beleuchtet.
Was dann geschah, beschreibt Hofkoch Theodor Hierneis (aus Erinnerungen an das Jahr 1885): „Fachleute des Hoftheaters sind anwesend und haben eine festliche Beleuchtung des Wasserfalls inszeniert. In allen Farben stürzt das schäumende Wasser herab, bengalische Feuerzauber spiegelnd und sich in einem tiefen, violett leuchtenden Bassin sammelnd. Der König lässt seinen Speisetisch vor demselben aufstellen und nimmt seine Mahlzeit in stummer Bewunderung dieses unerwarteten Schauspiels ein. Erst am Morgen kann er sich davon trennen.“
Der Aufwand, den die Techniker des Münchner Hoftheaters betrieben, ist bemerkenswert: Da wurde extra ein Stauwerk gebaut, um den Kenzenbach oberhalb der Fallstufe anzustauen und den Effekt zu verstärken. Reste dieses Stauwerks sind heute noch sichtbar. Bengalische Feuer konnte man mit Chemikalien in allerlei Farben erzeugen. Ludwig II. bevorzugte Blau und Rot. Auch elektrisches Licht mit Batteriebetrieb kam zum Einsatz.
Der Beruf des Hoftheater-Maschinisten war es, alle möglichen Effekte und Zaubereien auf Theaterbühnen zu erzeugen. In der Kenzen präsentierten sie dem theaterbegeisterten König ihr Können in freier Natur. Und der war begeistert. Die Kenzenfall-Illumination musste mehrfach wiederholt werden, jeweils wenn Ludwig II. die Kenzen besuchte. Hofkoch Hierneis wurde 1885 Zeuge der letzten Vorstellung.
Kenzen-Illumination 1876 und 1875
„Am nächsten Sonntag… gehen Seine Majestät in die Kainzen und soll am 10ten und 11ten [Juli 1876] der dortige Wasserfall bengalisch und electrisch beleuchtet werden. Euer Hochwohlgeboren möchten zu diesem Zweck den kgl. Offizianten Zanders und den Maschinisten Mayer in die Kainzen senden. Beide Herren führten schon im Vorjahre die Beleuchtung aus..“
– Brief Hornig (Stallmeister) an Düfflipp (Hofsekretär), Berg, 7. Juli 1876.
Literatur u.a.:
- „König Ludwig II. speist.“ Erinnerungen seines Hofkochs Theodor Hierneis, hrsg. Traudl Stürmer, München (1953) 2010, 48.
- Christian Hörter: Auf königlichen Pfaden zu Schlössern und Jagdhütten im Alpenvorland, München 2011, 74-75.
- Gemeinde Halblech (Hg.): „König Ludwig in Halblech“, in: https://www.halblech.de/schloesser-und-ausfluege/koenig-ludwig-halblech, aufgerufen: 3.9.2023
- Christian Malzer, Klaus Pukall: „Waldbesitz und Waldnutzung. Das Klostergericht Ettal“, in: Margot Hamm, Evamaria Brockhoff et al. (Hrsg.), Wald, Gebirg und Königstraum – Mythos Bayern, Katalog zur Bayerischen Landesausstellung 2018 (Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 67, hrsg. vom Haus der Bayerischen Geschichte), 42-48.
- Michael Petzet, Detta Petzet: Die Richard Wagner-Bühne König Ludwigs II. (Studien zur Kunst des 19. Jahrhunderts, 8), München 1970.
- Mario Praxmarer, Peter Adam: König Ludwig II. in der Bergeinsamkeit von Bayern und Tirol, Garmisch-Partenkirchen 2002, 155 f.
- Urban Schaidhauf: Ortsgeschichte von Trauchgau bei Füssen, Füssen 1892.
Empfohlene Zitierweise:
Heidi Korte, „Königshaus Kenzen. Bergresidenz mit Wasserfall“, in: Königswege, URL: <https://koenigswege.bayern/koenigshaus-kenzen>, zuletzt besucht am: [aktuelles Datum]






