Nachbau der Hundinghütte Ludwigs II. im Schlosspark Linderhof – Foto: HK
Refugium des Königs im Ammerwald
Hundinghütte
Mitten im Ammerwald nahe der Tiroler Grenze stand einst die Hundinghütte Ludwigs II. Das urwüchsige Blockhaus entsprach einer Szene aus Wagners Oper „Walküre“. Der König zog sich hierher von Schloss Linderhof aus zurück – trank Met, aß Steckerlfisch und lag lesend auf Bärenfellen. Nach seinem Tod wurde die Hütte zum Touristenmagnet. Das ärgerte einen Forstmeister aus Oberammergau…
Woher der Name "Hundinghütte" kommt
Hunding ist eine Figur in Wagners Oper „Die Walküre“. Das ist Teil 2 des 4-teiligen Zyklus „Der Ring des Nibelungen“. Die Handlung basiert lose auf der Nibelungensage und verbindet germanische Götter, Zwerge, Riesen, Walküren und Siegfried, den Drachentöter. Themen sind Macht, Gier, Liebe und Verrat.
Der 1. Akt der „Walküre“ spielt in Hundings Blockhütte im Wald, die seine alte, strikt und gefühllos geregelte Welt symbolisiert. Hunding ist Gegenspieler des Helden Siegmund. Durch das Hüttendach wächst ein mächtiger Eschenstamm, in den Gott Wotan das Schwert „Nothung“ gestoßen hat. Nur der Auserwählte kann es herausziehen – was Siegmund gelingt und sein Schicksal besiegelt.
Die Hundinghütte steht für Tradition, Gesetz und alte Ordnung, gegen die sich die Heldenfiguren – Siegmund, Sieglinde und die Walküre Brünnhilde – auflehnen.
Bühnenbild im wilden Gebirge
Ludwig II. hegte ein leidenschaftliches Interesse fürs Theater. Er schätzte Schauspiel und Oper gleichermaßen. Ein besonderes Faible hatte er für Bühnenbilder. Viele seiner Architekturen sind davon inspiriert, z.B. die Venusgrotte in Linderhof. Die Hundinghütte ist das gebaute Bühnenbild aus Wagners „Walküre“.
Den Standort im Ammerwald hatte der König bei einem Spaziergang ausgesucht: 7 km von Linderhof entfernt, auf gut 1100 m Höhe am Fuße der Kreuzspitze (2184 m). Der Ort in der Umgebung der Geierköpfe (2161 m) ist so gewählt, dass man sich auch die Bühnenbilder des 2. und 3. Akts der „Walküre“ gut vorstellen kann: „wildes Felsengebirg“ und „Gipfel eines Felsberges“.
Ludwig hielt sich exakt an Wagners Szenenanweisungen. In der konkreten Ausführung hatte er jedoch seine eigene Kunstauffassung: Das Bühnenbild der Bayreuther Festspiele war ihm zu „überhudelt“, wie er Wagner schrieb; wohl zu impressionistisch. Ludwig ließ die Hundinghütte (fast) ausschließlich nach der Münchener Uraufführung der „Walküre“ von 1870 gestalten.
Josef Kainz: Gespräch mit Ludwig II. im Hundinghaus
Im Sommer 1881 lud der König den Hofschauspieler Josef Kainz nach Linderhof ein und zeigte ihm persönlich die Hundinghütte. Kainz veröffentlichte seine Erinnerungen an diese Begegnung in Erzählform:
„Ich hatte mal die Idee, mir hier den ersten Akt der Walküre vorsingen zu lassen,“ erzählte er [= Ludwig II.] – „es wäre nur wenig Personal dazu nöthig gewesen – drei Personen!“
„Ah“ – unterbrach ich [= Kainz], „also Nachbaur den Siegmund?“
„Jawohl – Nachbaur den Siegmund, und Weckerlin die Siglinde!“
„Und den Hunding?“ fragte ich weiter.
„Für den Hunding hatte mir Hesselschwerdt“ – hier stockte der König ein wenig – „den Opernsänger Mayer vorgeschlagen. Er kennt ihn sehr genau. Er soll ein diskreter Mensch sein.“
„Diskret?“ Ich wiederholte das Wort leise. Der Zusammenhang fehlte mir, und der König schien es zu verstehen.
„Ich mag das Geschwätz nicht,“ erklärte er in seiner knappen Art – „ich liebe es nicht, die Dinge hinausgetragen zu wissen – deshalb pries mir Hesselschwerdt den Mayer!“
„Aber das viele Orchesterpersonal,“, fragte ich in vollster Erkenntniß und Würdigung der Einsamkeitsliebe des Monarchen, und er erwiderte rasch und mit Lebhaftigkeit:
„Kapellmeister L… [= Hermann Levi, Kapellmeister des Münchner Hoforchesters], mit dem die Sache besprochen wurde, hätte es möglich gemacht, den ersten Akt mit einem Quartett zu markiren.“
„Und wo hätte Eure Majestät es placirt?“
„Ja – das war schwierig. Kapellmeister L… meinte, es könnte in der kleinen Küche dort rechts untergebracht werden, wo die Stufen nach der schmalen Thüre führen!“
Ich sah ihn verwundert an, und er schien meine Zweifel zu verstehen.
„Ja – sehr schön wäre es nicht geworden,“ sagte er mit einem halb genirten Lächeln, das dem schönen Gesicht einen eigenen Zauber verlieh – „aber ich hätte es doch zu gern gesehen und es trotzalledem durchgeführt, aber – die Zeitungen mischten sich hinein!“
„Wie ist das möglich, Majestät? Wer wäre so indiskret gewesen, das Projekt an die Oeffentlichkeit zu bringen?“ Der König sah vor sich nieder. Sein Gesichtsausdruck wurde ernst.
„Ich weiß nicht, wer’s war. Es konnte nur ein Eingeweihter gewesen sein. Und dumm war es von ihm, denn er brachte sich selbst um einen Genuß, wie er ihm nicht wieder geboten wird.“ Nach einer kleinen Stockung fuhr der König fort:
„Es verstimmt mich immer, wenn man meine Liebhabereien öffentlich bespricht. Sie finden solch gehässige Beurtheilung. Die Indiskretion der Menschen hat mir schon manche Freude verdorben. Warum sie sich wohl so viel um mich kümmern?“ – er macht eine kleine nachdenkliche Pause… (…).
aus: Josef Kainz, Erinnerungen an König Ludwig. Teil III. Das Hundinghaus, in: Der Zeitgeist (Beiblatt zum Berliner Tagblatt), Nr. 28, 12. Juli 1886.
Lektüre, Steckerlfisch und Metgelage
Neben der Hundinghütte hatte Ludwig II. noch weitere Refugien im Ammerwald, die er von Linderhof aus besuchte: die Gurnemanzklause (unweit der Hundinghütte), die Stockhütte und das Marokkanische Haus (am gegenüber liegenden Scheinberg). Die königlichen Reitpferde grasten auf der Marokkowiese. Zu jeder Örtlichkeit servierte die Hofküche dem König passende Speisen und Getränke.
Zum „germanischen“ Ambiente der Hundinghütte gab es „in der Asche geglühte Kartoffeln und Steckerlfische zu essen und Met zu trinken“ – wusste der 1873 geborene Oberammergauer Sebastian Schauer zu berichten. Sein Vater war Aufseher bei der Hundinghütte.
Laut Luise von Kobell verbrachte der König die Zeit mit stundenlanger Lektüre, „deren Inhalt im schärfsten Gegensatz zu dem urwüchsigen Bärenhäutertum stand, das ihn umgab.“ Im Winter fütterte er die Hirsche, die von Hunger getrieben von den Bergen kamen. Mit dem Personal soll Seine Majestät „Metgelage im germanischen Stil“ inszeniert haben. Unerhört!
Die Hütte brennt! - Schicksal des Baus bis 1945
Nach Fertigstellung im Oktober 1876 stand diesem Bauwerk Ludwigs II. ein bewegtes Schicksal bevor: Kurz vor Weihnachten 1884 brannte die Hundinghütte erstmals nieder. Laut damaligen Zeitungen war unklar, ob Raub mit anschl. Brandstiftung oder Unvorsichtigkeit die Ursache war. Der König ließ sie binnen weniger Wochen wiederherstellen. Dazu ein Wächterhäuschen mit ständigem Aufseher, um Anschlägen vorzubeugen.
Nach Ludwigs Tod 1886 wurde die Hundinghütte – wie alle Königsschlösser – für Besucher geöffnet. Der abgelegene Ort entwickelte sich zum beliebten Ausflugsziel mit Restauration, Übernachtungsmöglichkeit und Busverbindung. Auch Prinzregent Luitpold kam regelmäßig mit Jagdgästen.
Der Trubel ärgerte einen Oberforstmeister aus Oberammergau: Am 19. April 1945 legte er Feuer an die Hütte – um Wald und Wild vom Tourismus zu befreien. Das Landgericht München verurteilte den Brandstifter – allerdings erst 1954 – zu 1 Jahr Gefängnis. Tatsächlich wurde die Sehenswürdigkeit im Ammerwald nie erneuert und dem Verfall preisgegeben. – Die Überreste findet man noch (siehe Königsweg Zur alten Hundinghütte).
- Detta und Michael Petzet: Die Hundinghütte König Ludwigs II. Das Bühnenbild zu Richard Wagners „Walküre“ und die Rekonstruktion der Hundinghütte im Schlosspark von Linderhof (Arbeitshefte des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, 51), München 1990.
- dies.: Die Richard Wagner-Bühne König Ludwigs II. (Studien zur Kunst des 19. Jahrhunderts, 8) München, Bayreuth 1970.
- Sebastian Schauer: „Dreimalige Begegnung mit dem König“, in: Hermann M. Hausner (Hg.), Ludwig II. von Bayern. Berichte der letzten Augenzeugen, München, Salzburg 1962, S. 60-61.
- Josef Kainz: Erinnerungen an König Ludwig. Teil III. Das Hundinghaus, in: Der Zeitgeist (Beiblatt zum Berliner Tagblatt) Nr. 27, 12. Juli 1886.
- Luise von Kobell: König Ludwig II. von Bayern und die Kunst, München (Erstausgabe) 1898.
Empfohlene Zitierweise:
Heidi Korte, „Hundinghütte. Refugium des Königs im Ammerwald“, in: Königswege, URL: <https://koenigswege.bayern/hundinghuette>, zuletzt besucht am: [aktuelles Datum]






