Der Schlosspark bietet vielfältige Ausblicke auf die Königsvilla (Foto: HK)
Codename „T’meicos Ettal“
Schloss Linderhof
von Heidi Korte
Codename „T’meicos Ettal“
Schloss Linderhof
von Heidi Korte
Max II. besaß mitten im Ammergebirge – im Graswangtal beim Linderhof – zu Jagdzwecken ein Königshäuschen. Dort ließ Ludwig II. Schloss Linderhof errichten, zum Gedenken an das französische Bourbonenkönigtum. Der Platz im Graswangtal reichte nicht für ein zweites „Versailles“. Dafür entstand eine prächtige „Königliche Villa“ umgeben von Schlosspark, Wasserspielen und einer Reihe besonderer Parkbauten…
Graswangtal - Quellgebiet der Ammer
Das wildromantische Graswangtal ist ein dünn besiedeltes alpines Hochtal im Herzen des Ammergebirges. Der Flurname „wang“ ist germanischen Ursprungs und verweist auf Wiesenhänge, Feuchtwiesen und Auen. Das Tal ist das Quellgebiet der Ammer. Es erstreckt sich über 15 km vom Ammersattel (1115 m) bei der Tiroler Landesgrenze bis zum Ettaler Weidmoos (840 m).
Den Oberlauf der Ammer bildet die Linder – ein Gebirgsfluss, der am Ammersattel entspringt und unterwegs zahlreiche Quellbäche aufnimmt. Immer wieder versickert die Linder im karstigen Talboden und verläuft über weite Strecken unterirdisch im Gries (Geröll, Kies). Im Weidmoos – zwischen Ettal und Oberammergau – tritt der Fluss in blubbernden Quelltöpfen (Karstquellen) an die Oberfläche und wird ab hier „Ammer“ genannt.
Königshaus Max' II. beim Linderhof
Der „Linderhof“ war ursprünglich ein Zehentbauernhof des Klosters Ettal, seit dem 15. Jahrhundert von einer Familie Linder bewirtschaftet. In napoleonischer Zeit verkaufte ein Nachfahre der Linder, Josef Gindhart, das Anwesen an den bayerischen Militärfohlenhof Schwaiganger bei Murnau. Sein Bruder Johann Michael Gindhart blieb bis zu seinem Tod in einem 1790 erbauten Auszugshaus auf dem Grundstück des Linder-Bauernhofs wohnen. Dieses Nebengebäude – das sog. „Gindhart-Häusl“ – nutzte Max II. als Jagdhaus.
Erstmals übernachtete Maximilian als Kronprinz in Linderhof, bei Jagdaufenthalten 1842 und 1843. In den frühen 1850er Jahren begann Max II. das Ammergebirge für jährliche Hofjagden zu erschließen. Dazu ließ er 1851 die Fürstenstraße bauen, die seine Tiroler Jagden via Plansee und Ammerwald mit dem Jagdstützpunkt Linderhof verband. Etwa zur selben Zeit wurde das Gindhart-Häusl gekauft und durch Hofbaurat Friedrich Ziebland zum „Königshäuschen“ ausgebaut. Der bäuerliche Charakter des Gebäudes – ein hölzerner Ständerbau auf verputztem Sockel mit Bretterverschalung – blieb auf Wunsch Maximilians erhalten.
Am heutigen Standort – 250 Meter westlich des Schlosses – steht das Königshaus Max‘ II. seit 1874. Es wurde auf Veranlassung Ludwigs II. versetzt, um dem Schlossbau Platz zu machen. Man kann das Königshaus besichtigen. Im Erdgeschoss zeigt die Schlösserverwaltung die Ausstellung „Vom Lynder-Hof zum Schloss“. Aktuelle Öffnungszeiten und weitere Informationen gibt’s hier: www.linderhof.de.
Durch Krisen zum Schlossbau Ludwigs II.
1868 nimmt Ludwig II. das Bauprojekt Linderhof in Angriff. Er ist 23 Jahre alt. In den königlichen Bauakten firmiert das Projekt unter dem Codenamen T’meicos Ettal, ein Anagramm der Devise „L’état c’est moi – Der Staat, das bin ich“, die Sonnenkönig Ludwig XIV. zugeschrieben wird. Warum dieses Motto?
Rückblende: 1864 muss Ludwig erst 18jährig die Nachfolge seines Vaters antreten. Gleich in den ersten Regierungsjahren hat er schwere Krisen zu bewältigen: im Dezember 1865 der ihm aufgezwungene Abgang Wagners aus München; 1866 der Krieg gegen Preußen, der mit Bayerns Niederlage endet. Der junge Monarch hadert mit dem Königsein und der Welt. Am Ende ist er hoffnungslos überzeugt, in seiner „Scheinexistenz“ als König nichts bewirken zu können und „entschlossen, die Krone niederzulegen“ (Ludwig II. an Cosima von Bülow, 21. Juli 1866).
Es ist Richard Wagner, dem es mit väterlichen Worten gelingt, den Verzweifelten von seinen Abdankungsplänen abzubringen (Wagner an Ludwig II., 24, Juli 1866).
O Himmel! Sie sind noch so jung!
„O Himmel, mein Ludwig! Sie sind so jung, so neu noch in dieser Welt! Ausser einigen Schlössern Ihres Landes kennen Sie fast nur noch München: diess dünkt Ihnen Bayern, die Münchener Residenzbevölkerung Ihr Volk! Verzeihen Sie… Wird Ihnen die Welt stets so erscheinen, wie sie Ihnen jetzt dünkt? Gewiss nicht! Sie werden, indem Sie zum männlichen Alter reifen, die Welt erweitert finden, Ihrer Ansprüche gegen sie Sich bewusst werden… erst dann dürften Sie die Macht vermissen, die jetzt als beengende Last auf Sie drückt: Sie werden dann vielleicht erkennen, wie Sie schon jetzt die Macht hätten verwenden sollen, um mächtige Zwecke zu erreichen; die Sehnsucht, das Versäumte nachzuholen, wird Sie stacheln, und – Sie werden dann Sich ohnmächtig fühlen! Königthum – glauben Sie! – ist eine Religion! Ein König glaubt an sich, oder er ist es nicht. Wie, wenn dieser Glaube Ihnen aber nur jetzt fehlte, wenn er aber dennoch tief in Ihnen läge, und erst dann hell in Ihr Bewusstsein träte, wenn Sie die Berechtigung zu diesem Glauben von sich gegeben hätten?“
– Richard Wagner, Brief an Ludwig II. (Auszug), 24. Juli 1866
Selbstvergewisserung durch Studien
Der junge Ludwig II. ringt mit der Frage, ob er König bleiben kann oder nicht, indem er studiert. Er sucht Selbstvergewisserung, indem er sich eingehend mit dem Königsein und Herrschaftsauffassungen beschäftigt. Er liest über Könige früherer Epochen, setzt sich auseinander mit Wittelsbacher Haus-Ritterorden, Krönungen, monarchischen Zeremonien und ihrer Bedeutung. Im Frühjahr 1867 gelangt er zu Themen rund um die Bourbonenkönige. – Daraus geht schließlich die Idee zum Bau von Schloss Linderhof hervor, als Huldigung an das Königtum vergangener Zeiten.
Verbindung mit bourbonischen "Ludwigen"
Mit den Bourbonen sieht sich Ludwig II. durch das Taufsakrament verbunden: Den Vornamen „Ludwig“ verdankt er seinem Großvater, König Ludwig I. (1786-1868). Dessen Taufpate war Bourbonenkönig Ludwig XVI. (1754-1793) – jener König, der mit seiner Gattin Marie Antoinette der Französischen Revolution zum Opfer fiel.
Die Geburtstage Ludwigs I. und Ludwigs II. fielen beide auf den 25. August, den Namenstag des heiligen Ludwig IX. von Frankreich (1214-1270). Er gilt als Stammvater der Bourbonen. Ludwig der Heilige wurde jahrhundertelang im europäischen Adel verehrt als ideales Vorbild christlichen Königtums: fromm und barmherzig, diszipliniert und gerecht. – Viel Anlass für Ludwig II., sich den bourbonischen „Ludwigen“ familiär und ideell verbunden zu sehen.
(Ludwig, von Gottes Gnaden König von Bayern...)
… so der Titel der bayerischen Könige seit 1806, wie er in königlichen Urkunden und Proklamationen bis zum Ende der Monarchie 1918 zu lesen steht. Das Gottesgnadentum war – sozusagen verbal-offiziell – die Legitimationsgrundlage des Königtums Ludwigs II.
Allerdings hatte sich die Bedeutung der Formel „Dei Gratia“ im Lauf der Jahrhunderte stark gewandelt: Vom gesalbten rex sacerdos des Mittelalters über den rex legibus solutus des Absolutismus bis zum rex sub lege constituta des 19. Jahrhunderts war die religiöse Überhöhung der Person des Königs faktisch nicht mehr vorhanden. Der König war säkularisiert und… Überreste… Verfassung „heilig und unverletzlich“
wie Ludwig II. es war: ein konstitutioneller Monarch, dessen Macht und Handlungsspielraum durch eine Verfassung begrenzt ist.
Die Verfassung des Königreichs Bayern von 1818/1848 war das Gottesgnadentum verankert. Wenn sich Ludwig II. damit auseinandersetzte, war das zeitgemäß, legitim und von einem König wohl zu erwarten.
Notiz Ludwigs II. - Gottesgnadentum als Glaube der Menschen in die Könige
Wunderbare, magische Gewalt des königlichen Namens! Du borgtest Deine Macht nicht von der Stärke der Waffen, nicht von dem Rechte über Leben u. Tod, u. Ehre der Menschen, nicht von den Schätzen, die des Fürsten Hand vertheilen kann, nicht von dem Glanze, der den Thron umleuchtet, – Du bist eine Macht von Oben her, ein Glaube, der die Geister bindet, wie das stille Gesetz der Schwere der Welten, u. weil Gott solchen Glauben für Uns Könige in die Herzen der Menschen gelegt, darum nennen wir uns mit Recht: >von Gottes Gnaden Könige<. – Ludwig II., Tagebuchnotiz vom 8. Januar 1868
Diese poetische Interpretation von Gottesgnadentum hat Ludwig II. in sein Tagebuch notiert, weil er sich – wie man annehmen darf – davon angesprochen fühlte. Es handelt sich um ein Zitat aus dem Drama „Die Royalisten oder Cromwell, General“ (1841) von Ernst Raupach (1784-1852). – Das Stück spielt zur Zeit der englischen Revolutionen des 17. Jahrhunderts und thematisiert den Machtkampf zwischen Königtum und Republikanern. Die Figur König Karls I. steht bei Raupach für die alte, göttlich legitimierte Ordnung und das Ideal des sittlich verantwortlichen Herrschers. Dagegen verkörpert Oliver Cromwell den machtgierigen Revolutionär, der rücksichtslos und zerstörerisch vorgeht und im Chaos, das er anrichtet, an seiner Hybris scheitert. Raupachs Stück verteidigt christlich-monarchische Prinzipien als Garanten von Stabilität und Zusammenhalt. Es warnt vor Revolutionen, die im Namen der Freiheit beginnen und in moralischer Zerstörung und Tyrannei enden.
(Reise Ludwigs II. nach Frankreich 1867)
In den 1860er Jahren galt Frankreich als unbestrittene Vormacht Europas. Gegen den Willen Kaiser Napoleons III. waren politische Veränderungen unmöglich – bis 1866 als Preußen Österreich besiegte, den Deutschen Bund auflöste und den Norddeutschen Bund gründete. Für Kaiser Napoleon III. eine schwere diplomatische Niederlage, für die er Kompensationen forderte. Sein Versuch, das Großherzogtum Luxemburg zu kaufen, löste 1867 eine europäische Krise aus und scheiterte am Veto der anderen Großmächte. Umso mehr forderte Napoleon eine „Korrektur der Rheingrenze“ zugunsten Frankreichs.
Nun sah sich Bayern mit der bayerischen Rheinpfalz bedroht. Nachdem Bismarck im Laufe der Luxemburg-Krise das geheime Schutz- und Trutzbündnis öffentlich gemacht hatte – sah sich Napoleon
Als Ludwig II. im Juli 1867 nach Frankreich reist, tut er dies widerwillig auf Drängen seiner Minister. Die Weltausstellung in Paris ist nur der äußere Anlass. In Wahrheit geht es um eine heikle diplomatische Mission. Die politische Lage ist äußerst angespannt. – Was war da los?
(Kein Platz für „Versailles“ im Graswangtal)
Als Ludwig II. am 28. November 1868 den Bau eines Schlosses bei Linderhof in Auftrag gab, waren zeitgleich der Wintergarten auf der Münchener Residenz und Schloss Neuschwansteinin Arbeit. Ludwig schrieb deshalb betont bescheiden an Hofsekretär Düfflipp: Nur ein „kleiner Pavillon“ solle es werden; ein ganz bescheidenes, einsames Refugium, wie es sich Ludwig XIV. einst in Marly schuf; ja, selbst das kleine Lustschlösschen Trianon im Park von Versailles sei dem Sonnenkönig als Rückzugsort noch „zu palastartig“ gewesen. – Doch wie üblich legte der König die anfängliche Bescheidenheit bald ab. Als 1869 das Gelände im Graswangtal gekauft war und die Bauarbeiten anliefen, schrieb er an Düfflipp: „…es soll gewissermaßen ein Tempel des Ruhmes werden, worin ich das Andenken an König Ludwig XIV. feiern will; deshalb dürfen die Räume nicht kleinlich ausfallen, eine bloß scheinbare Größe, erzielt durch perspektivische Mittel, reicht nicht aus, den Charakter der Herrlichkeit jener wundervollen Epoche zu veranschaulichen…“. –
Für eine originalgetreue Kopie von Schloss Versailles, wie sie Ludwig jetzt im Sinn hatte, war das Graswangtal allerdings zu eng. Deshalb wurden am Ende gleich zwei Schlösser gebaut: Für den Nachbau von Versailles wurde 1873 die Herreninsel im Chiemsee erworben. Damals verpasste Murnau eine Chance: Der König hätte nämlich sein Versailles viel lieber dort, auf der Insel Wörth im Staffelsee, gebaut. Doch die Besitzer weigerten sich zu verkaufen.
Königliche Villa Linderhof – ein Kleinod des Neubarock
In Linderhof entstand nun bis 1878 ein vergleichsweise kleines „Schloss“, das eher dem Typus einer großbürgerlichen Villa des späten 19. Jahrhunderts entspricht. In mehreren Bauphasen ließ Ludwig Bestehendes immer wieder nach seinen Wünschen umbauen und ergänzen, bis ein einzigartiger Gebäudetypus geschaffen war: Die „Königliche Villa“ von Linderhof ist keine bloße Kopie bourbonischer Architektur des 17. und 18. Jahrhunderts. Sie ist eine eigenwillige Neuschöpfung im neubarocken Stil des Historismus mit Elementen aus Klassizismus, Barock und Rokoko. Die Mischung unterschiedlicher Stile vergangener Epochen war im zeitgenössischen Kunstverständnis des Historismus kein Problem.
Besucher-Tipp
Die Prunkräume im Inneren der „Villa“ können im Rahmen einer Führung besichtigt werden (Dauer 25 Minuten). Angesichts des Besucherandrangs sollte man die Möglichkeit nutzen, Tickets für eine feste Einlasszeit zu reservieren: www.schlosslinderhof.de
Anlass für schöne Sonderveranstaltungen – wie zum Beispiel die „König Ludwig-Nacht“ mit Schlossparkbeleuchtung – sind in Linderhof immer wieder die Geburts- und Todestage Ludwigs II. Auch sehr interessante Themenführungen werden ganzjährig angeboten!
Literatur u.a.:
Vanessa Voit, Vom Lynder-Hof zum Schloss, hrsg. Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen, München 2012.
Ludwig Hüttl, Ludwig II. König von Bayern, München 1990, 244-267.
Schloss Linderhof. Amtlicher Führer, hrsg. Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen, bearb. von Elmar D. Schmid u. Gerhard Hojer, München 2006.
Hans F. Nöhbauer, Auf den Spuren König Ludwigs II., München 1995.
Maria Seitz, Ludwig II. König von Bayern. Ein Wittelsbacher zwischen Kunst und Tragik, Darmstadt 2011.










