Am Ortsende von Oberau beginnt der Historische Lehrpfad (Foto: HK)
Unterwegs auf historischen Rottstraßen
Ettaler Kienbergweg
Rundweg; Trittsicherheit
1:14h
2,2km
138m
138m

Start und Ziel
- Start und Ziel: Oberau, Alte Ettaler Straße (Parkplätze im Ort)

Etappen
- Ortsausgang Oberau
- Gedenkstein
- „Untere Riebe“

Interessantes am Weg
- historischer Lehrpfad (beschildert)
- Bodendenkmal Älteste und Alte Ettaler Straße
- Gedenkstein für die Toten beim Transport der Kreuzigungsgruppe

Einkehrmöglichkeiten
- Klosterbräu (Ludwig der Bayer) in Ettal
Geschichtsträchtiger Weg im Wandel der Jahrhunderte
Seit über 2000 Jahren ist der Ettaler Kienbergweg die kürzeste Verkehrsverbindung zwischen Loisach- und Ammertal. Von Oberau (659 m) bis zum Ettaler Sattel (869 m) sind gut 200 Höhenmeter zu überwinden. Die Streckenführung wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrfach angepasst:
Vom Saumweg (bis 1330) zur Ältesten Ettaler Straße (1330 bis 1629)
- In römischer Zeit gehörte das Oberland zur Provinz Rätien. Durch die Kienbergschlucht führte nur ein schmaler, steiler Saumpfad. Güter wurden mit Saumtieren wie Eseln und Maultieren transportiert. Die römische Hauptverkehrsstraße Via Raetia mied den Kienbergweg und nahm stattdessen den Umweg durchs Murnauer Moos. Ziel war die Provinzhauptstadt Augusta Vindelicorum (Augsburg).
- Mit Gründung des Klosters Ettal im Jahr 1330 durch Kaiser Ludwig den Bayern wurde der Kienbergweg ausgebaut und für Fuhrwerk befahrbar gemacht. Oberammergau erhielt 1332 vom Kaiser das Niederlegerecht. Damit erhob er das Dorf zur Rottstation am Handelsweg zwischen Augsburg und Venedig. Der florierende Venedigerhandel verlief nun über den Kienbergweg, abgesichert von verlässlichen Gefolgsleuten des Kaisers in Ettal.
Das transalpine Rottfuhrwesen
Vom Spätmittelalter bis ins 18. Jahrhundert wurde der Fernhandelsverkehr zwischen Augsburg und Venedig über das Rottfuhrwesen organisiert. Der Warentransport erfolgte etappenweise von einer Rottstation zur nächsten. An den Stationen wurden die Waren abgeladen, kontrolliert, gelagert und umgeladen (Niederlegerecht). Vor Ort hatten einheimische Fuhrleute, sog. Rottmänner, das ausschließliche Recht, die Waren zur nächsten Station zu befördern. Sie waren in der Rott organisiert, einer Innung, die den reibungslosen Ablauf garantierte. Das Rottfuhrwesen war über Jahrhunderte ein erstaunlich effizientes Speditionswesen. Auch die Flößererei auf Isar, Loisach und Lech leistete bedeutende Dienste („Wasser-Rott“).
Reschen oder Brenner? - Die Obere und Untere Straße
Zwischen Augsburg und Venedig gab es zwei Rottstraßen mit je etwa 24 Rottstationen. Die Streckenführung entsprach weitgehend den alten Römerstraßen und richtete sich nach den Pässen zur Alpenüberquerung:
- Die Obere Straße (Via Claudia) ging über den Reschenpass (1507 m) und Fernpass (1216 m) durchs Außerfern nach Füssen und folgte dem Lech bis Augsburg.
- Die Untere Straße (Via Raetia) nutzte den Brennerpass (1370 m) und passierte im weiteren Verlauf die Rottstationen Innsbruck, Zirl, Seefeld, Mittenwald, Partenkirchen, Oberammergau und Schongau.
- In Schongau trafen Obere und Untere Straße zusammen. Letzte Rottstation vor Augsburg war Landsberg am Lech.
Der Kienbergweg (Verlauf siehe Bild „Ettaler Bergstraße„) war eine Teilstrecke der Unteren Straße. Er verknüpfte die Rottstationen Partenkirchen und Oberammergau.
Alte Ettaler Straße (1629 bis 1889)
Der Kienbergweg muss die fürchterlichste Etappe der Unteren Straße gewesen sein. Im Jahr 1615 bezeugt der Münchner Hofbaumeister Reiffenstuel eine maximale Steigung von 36%. Das Fluchen der Fuhrleute über die Zustände war derart heftig, dass der Abt von Ettal sich über das „greulich schwören und gotslestern“ beklagte. Im weiteren Verlauf der Unteren Straße kam noch die halsbrecherische Echelsbacher Steige durch die Ammerschlucht mit 20% Gefälle hinzu.
Solche Zustände boten anderen Landesherren die Gelegenheit, den lukrativen Rottverkehr in ihr Hoheitsgebiet zu ziehen. Sie bauten einfach bessere Straßen:
- Um 1480 ließ der Tiroler Herzog Siegmund der Münzreiche den Saumweg durch die Eisackschlucht („Kuntersweg“) befahrbar machen; danach lief die Brenner-Route der Oberen Straße den Rang ab.
- 1492 erbaute Bayernherzog Albrecht IV. die Kesselbergstraße (von Kochel zum Walchensee und weiter nach Krün), um Teile des Venedigerhandels von Mittenwald nach München zu ziehen.
- 1543 wurde unter Erzherzog Ferdinand von Österreich eine völlig neue Trasse für die Fernpasstrasse geschaffen; ein technisches Meisterwerk, das die Obere Straße wieder attraktiver machte.
Endlich 1629 ließ auch Abt Ottmar Goppelzrieder von Ettal für den Kienbergweg eine neue Trasse bauen: die „Alte Ettaler Straße“. Auf ihr wurde 1875 die kolossale Kreuzigungsgruppe Ludwigs II. nach Oberammergau befördert.
Das "Goldene Landl" - Rott und Werdenfelser Wohlstand
Die Grafschaft Werdenfels war das Eingangstor, durch das die begehrten Venedigerwaren (wie Seide, Samt, Baumwolle, exotische Gewürze, Zucker, Südfrüchte, Wein und Weihrauch) in den oberdeutschen Raum gelangten. Das brachte Wohlstand ins Werdenfels. Der Volksmund sprach vom „Goldenen Landl“.
Neben Einnahmen aus Zöllen, Wegegeld, Lagergebühren und Fuhrgeld gab es unzählige Verdienstmöglichkeiten entlang der Rottstraße. Es brauchte Lagerarbeiter, Umlader, Ballenbinder, Tierhalter, Stallknechte, Futterlieferanten, Wagenmacher, Hufschmiede, Sattler, Seiler und natürlich Wirtshäuser. – Die Bauern in Oberau spezialisierten sich darauf, Pferde zu halten und Vorspanndienste zu leisten. Für schweres Frachtgut – z.B. Fässer mit Südtiroler Wein – mussten am Kienbergweg bis zu 20 zusätzliche Pferde vorgespannt werden.
Die größte Wirtschaftsblüte erlebte das Werdenfels als die Venediger Kaufleute 1487 den Stützpunkt für ihre Geschäfte mit den Augsburgern von Bozen nach Mittenwald verlegten. Anlass war ein Krieg zwischen dem Tiroler Herzog Siegmund dem Münzreichen und der Republik Venedig. Der „Bozener Markt“ blieb bis 1679 in Mittenwald: 192 Jahre lang.
Neue Ettaler Straße (1889 bis heute)
Die heutige Trasse der Ettaler Bergstraße wurde 1889 unter der Ägide des Straßenbauamts Weilheim fertiggestellt. Bei dem aufwendigen Projekt wurden rund 43.000 Kubikmeter Fels weggesprengt. Die neue Straße ist 2 km länger als die alte. Ihre maximale Steigung beträgt nur noch 6 %. Im selben Jahr wie die Straße wurde auch die Eisenbahnstrecke von Murnau nach Garmisch verlängert.
Joseph Baader (1880): Abgesang auf die Rott
Der Chronist des Marktes Mittenwald Joseph Baader schreibt 1880 über das Ende des Werdenfelser Rottfuhrwesens:
„Die Rottstraße und der Verkehr auf derselben hatte einst ganzen Landstrichen ein eigenthümliches Gepräge aufgedrückt; Land und Leute boten ein heiteres Bild voll Leben und Bewegung, über das der Sonnenschein gemüthlicher Behäbigkeit sich ausbreitete. Jetzt ist dieses Bild verdüstert und die Gegend verödet. Es fährt kein „lustiger Fuhrmann“ mehr durch die Rottstraße, und die alten zerfallenen Wirthshäuser strecken ihre verwetterten eisernen Schilde mit ihren Adlern, Löwen, Hirschen, Steinböcken und anderm Gethiere vergebens nach dem Rottmann aus. Er ist todt. Die Eisenbahn hat ihn zu Grund gerichtet und mit ihm den Wohlstand ganzer Landstriche.“
Als Baader dies schrieb, konnte er nicht überblicken, dass sich ein neues Geschäftsmodell schon im Aufstieg befand – der Tourismus.
Literatur u.a.:
- Hildebrand Dussler OSB: Geschichte der Ettaler Bergstraße. Erweitert und neu hrsg. von Peter Bitzl, Laurentius Koch OSB und Heinz Schelle (Mohr – Löwe – Raute. Beiträge zur Geschichte des Landkreises Garmisch-Partenkirchen, Bd. 5), Garmisch-Partenkirchen 1997.
- Klaus Fischer: Das Rodfuhrwesen zwischen Augsburg und Venedig vom 13. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, in: Schwaben – Tirol. Historische Beziehungen zwischen Schwaben und Tirol von der Römerzeit bis zur Gegenwart. Ausstellung der Stadt Augsburg und des Bezirks Schwaben. Band 2: Beiträge, hrsg. von Wolfram Baer und Pankraz Fried, Rosenheim 1989, S. 240–250.
- Michael W. Weithmann: Die Bayerischen Alpen. Landschaft, Geschichte und Kultur zwischen Salzach und Lech, Regensburg 2022.
- Joseph Baader: Chronik des Marktes Mittenwald, seiner Kirchen, Stiftungen und Umgegend, Nördlingen 1880.
Empfohlene Zitierweise:
Heidi Korte, „Ettaler Kienbergweg. Unterwegs auf historischen Rottstraßen“, in: Königswege, URL: <https://koenigswege.bayern/kw-ettaler-kienbergweg>, zuletzt besucht am: [aktuelles Datum]







