Eine Straßenlokomotive der Maffei’schen Maschinenfabrik zog das Monument über den Ettaler Berg (Sammlung HK)

Mit Dampfkraft und 32 Pferden

Bergfahrt der Kreuzigungsgruppe

von Heidi Korte

Mit Dampfkraft und 32 Pferden

Bergfahrt der Kreuzigungsgruppe

von Heidi Korte

Am 5. August 1875 um 6 Uhr begann der Transport der Kreuzesteile von München nach Oberammergau. Ein sensationelles Unternehmen, das viele Schaulustige anzog. Das 12 Meter hohe Denkmal – das König Ludwig II. dem Passionsspielort schenkte – war seinerzeit das größte in Stein gemeißelte Monument der Welt. Mit Straßenlokomotive und Pferdestärken ging es den gefährlichen Ettaler Berg hinauf. Zwei Menschen kamen zu Tode. Vom Hergang des tragischen Unglücks sind drei Versionen überliefert…

Drei Versionen des Unfallhergangs

Der Unfall geschah auf halber Höhe bei der sog. „langen Höhle“. Über das Wie? und Warum? gibt es mehrere Versionen, die auf Zeitungsmeldungen und mündlichen Überlieferungen beruhen.

♦ Erste Zeitungsberichte unmittelbar nach dem Unglück machten Steinmetzmeister Hauser verantwortlich: Er habe das Unternehmen mit zuviel Eifer vorangetrieben, sich weder an Abmachungen gehalten (wonach eigentlich das Lokomobile die Figuren habe transportieren sollen) noch die heilige Sonntagsruhe respektiert. Er habe den Pferden zuviel abverlangt, die zuvor schon die „Maria“ und das Postament hinaufgebracht hatten. Hauser wurde auch der entscheidende Fehler zugeschrieben: Nachdem bei der Rast die Wagenräder mit Hemmblöcken gesichert waren, habe Hauser vergessen, bei der Weiterfahrt den Hemmblock hinter dem linken Vorderrad zu entfernen. Das linke Hinterrad fuhr darauf auf. Der Wagen kippte. Die Figur rutschte. So geschah das Verhängnis.

♦ Die erste Version wurde wenige Tage später u.a. in der Augsburger Abendzeitung revidiert, ausdrücklich zur „Richtigstellung“ und um Hauser nicht „zu seinem Unglücke noch eine üble Nachrede“ zuzufügen. Diese zweite Version berief sich auf eine „nächstbetheiligte Seite“. Danach habe sich der Unfall so zugetragen:

Hauser hatte 4 Arbeiter beauftragt, bei dem jedesmaligen Halten des Wagens Buchenscheiter hinter die Räder zu legen. Da gerieth man ungefähr 20 Schritte von der Unglückstelle entfernt in ein Tags vorher von der Straßen-Lokomotive gerissenes Loch, welches nur locker mit Schutt ausgefüllt war. Man wußte aber dieses Hinderniß mittelst der [Seil-]Winde leicht zu überschreiten. Mit Handhabung derselben war einer jener Arbeiter betraut worden, welche die Räder mittelst der Scheiter zu sichern hatten. Während nun dieser, um bei weiterem Bedarfe bereit zu sein, die Winde hielt, bemächtigte sich einer der Zuschauer des Buchenscheites…

…legte dasselbe, als der Wagen nach circa 20 Schritten wieder zum Stehen kam, hinter das vordere linke Rad, ließ es aber, als sich der Wagen in Bewegung setzte, liegen, wodurch dann die bekannte Katastrophe herbeigeführt wurde. Dies geschah an einer Stelle, wo Niemand mehr an eine Gefahr dachte und alle erheblicheren Schwierigkeiten bereits überwunden waren.“

In dieser zweiten Version wird die Leistung der Pferde positiv (im Vergleich zum Lokomobile) hervorgehoben: „Der Transport mittelst Pferden erwies sich gegenüber der Leistungsfähigkeit der Lokomotive als verlässiger und schneller. Die Lokomotive hatte nämlich bei dem vorausgegangenen Transporte des Kruzifixes sich ihrer Aufgabe nicht ganz gewachsen gezeigt, weil sie, bevor sie die Höhe des Berges erreicht hatte, sich selbst nicht mehr fortbewegen konnte und selbst mittelst Flaschenzug hinaufgezogen werden mußte. Außerdem hatte dieselbe eine Beschädigung erlitten, die sie für den Transport der übrigen Figuren unbrauchbar machte. Der Transport mit den Pferden, die nicht überanstrengt wurden, geschah sicher und leicht und waren bereits der größte Theil und darunter die gefährlichsten Stellen des Berges überwunden, als der verhängnisvolle Unfall eintrat.“ 

♦ Eine dritte Version geht auf die Erzählung eines Klosterschülers von Ettal zurück, dessen Großvater beim Transport dabei war: Demnach sollen die Pferde beim Ansetzen zur Weiterfahrt geschwächelt haben, so dass der Wagen rückwärts rollte. Der Rückgang sei zwar durch Radschuhe gebremst worden. Aber durch den Halteruck sei ein Befestigungsseil der Johannes-Figur gerissen. Sie wurde rückwärts vom Wagen geschleudert und erschlug Hauser – mit solcher Wucht, dass die Figur nicht zum Stehen kam, sondern nochmals kippte. Dabei sei Kofelenz getroffen worden.

Inschrift für Steinmetzmeister Hauser (Foto: H.K.)

Inschrift für Steinhauergeselle Joseph Kofelenz (Foto: H.K.)

Die Inschriften des Denkmals am Kienbergweg-Alte Ettaler Straße lauten:

Hier starb / mitten in seiner rastlosen Thätigkeit / am 15. August 1875 / Herr Franz Xaver Hauser / Steinmetzmeister aus München /geboren am 15. April 1812 / zu Binswang in Tirol / Er wurde durch das Umstürzen / der zur Oberammergauer Kreuzigungs-/ Gruppe gehörigen Johannes Figur, / deren Transport er leitete, /getötet. / R.I.P.

Mit Ihm verunglückte sein treuer Gehilfe / Joseph Kofelenz / Steinhauer aus Mihl in Tirol u. starb nach 2 1/2 / stündigen schmerzlichen Leiden in Ettal. / R.I.P.

Literatur u.a.:

  • Hildebrand Dussler OSB: Geschichte der Ettaler Bergstraße (erw. und neu hrsg. v. Peter Bitzl, Laurentius Koch OSB und Heinz Schelle) Garmisch-Partenkirchen 1997 (Mohr – Löwe – Raute. Beiträge zur Geschichte des Landkreises Garmisch-Partenkirchen, Bd. 5), S. 88.
  • Diverse Zeitungsberichte vom August 1875, insbesondere: Augsburger Abendzeitung, 23. Aug. 1875, Nr. 233, 3.
  • Michael Sachs: Die Bergfahrt eines Monuments, in: Die Gartenlaube (46/1875), 775 – 778; Stich 773.

Empfohlene Zitierweise:

Heidi Korte, „Bergfahrt der Kreuzigungsgruppe. Mit Dampfkraft und 32 Pferden“, in: Königswege, URL: <https://koenigswege.bayern/bergfahrt-der-kreuzigungsgruppe>, zuletzt besucht am: [aktuelles Datum]

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