Eine Straßenlokomotive der Maffei’schen Maschinenfabrik zog das Monument über den Ettaler Berg (Sammlung HK)
Mit Dampfkraft und 32 Pferden
Bergfahrt der Kreuzigungsgruppe
von Heidi Korte
Mit Dampfkraft und 32 Pferden
Bergfahrt der Kreuzigungsgruppe
von Heidi Korte
Am 5. August 1875 um 6 Uhr begann der Transport der Kreuzesteile von München nach Oberammergau. Ein sensationelles Unternehmen, das viele Schaulustige anzog. Das 12 Meter hohe Denkmal – das König Ludwig II. dem Passionsspielort schenkte – war seinerzeit das größte in Stein gemeißelte Monument der Welt. Mit Straßenlokomotive und Pferdestärken ging es den gefährlichen Ettaler Berg hinauf. Zwei Menschen kamen zu Tode. Vom Hergang des tragischen Unglücks sind drei Versionen überliefert…
Der Transport von Kreuz und Christus
Zuerst wurde die Rückwand der Halbigschen Werkstatt in München durchbrochen, um das Kreuz mit dem Christus ins Freie zu bringen. Durch die Hotterstraße, Hackenstraße und Sendlinger Straße schob man die kolossale, 600 Zentner schwere Last auf Walzen zum Sendlinger-Tor-Platz. Dort verpackte man sie auf einen eigens konstruierten eisernen Wagen, der von Zuschauern mit Blumen und Kränzen geschmückt wurde. Den Wagen zog eine Straßenlokomotive der Maffeischen Maschinenfabrik. Das mit Dampfkraft betriebene „Locomobile“ war von Maffei für die Beförderung schwerster Lasten konstruiert worden. Für den Transport der Kreuzigungsgruppe wurde es nochmals speziell umgerüstet. Karl Halm, Ingenieur der Maffeischen Fabrik, übernahm die Leitung des Unternehmens.
93 Kilometer in 14 Tagen
Den Transportweg hatte man sorgfältig gewählt. Man entschied sich für eine Strecke über Starnberg, Weilheim, Murnau, Eschenlohe, Oberau und über den Ettaler Berg nach Oberammergau – insgesamt 93,4 Kilometer. Straßen, Durchlässe und Brücken mussten eigens ausgebessert und besonders verstärkt werden. Einige Münchner begleiteten das Fuhrwerk ein Stück des Weges, andere marschierten die ganze Strecke von München nach Oberammergau mit.
Durch Starnberg, Weilheim und das Murnauer Moos
Zwischen Starnberger See und Weilheim auf durchweichten, sumpfigen Straßen kam man stellenweise nur Zentimeter für Zentimeter voran. Von Weilheim nach Murnau ging es trotz der Steigungen deutlich besser. Die Zugmaschine fuhr immer 30 Meter voraus, dann wurde sie aufgebockt, und der Wagen über eine Seilwinde nachgezogen. Besonders aufregend war die Fahrt durch Murnau, wo es auf schlecht gepflasterter Straße stark bergab ging. Am Kapfelberg bei 17 Prozent Gefälle in einer steilen Kurve stellte sich der Wagen beim Bremsen schräg und wäre beinahe gekippt. Die 40 Meter lange Ramsachbrücke musste vor der Überquerung nochmals verstärkt werden. Als man das Murnauer Moos (Moor) bei Klein-Aschau durchquerte, schwankte der ganze Straßenkörper auf und nieder.
Mit 140 Mann über den Ettaler Berg
Besonders gefürchtet und gefährlich war die Fahrt über den steilen Ettaler Berg (siehe Ettaler Kienbergweg). Diesen Weg musste man wählen, weil die Brücken im Norden Oberammergaus nicht stabil genug waren. Nun waren 175 Höhenmeter auf 1.200 Metern Straßenlänge zu überwinden. (Mehr zur Alten Ettaler Straße, siehe Königsweg Kienbergweg).
Da begann es auch noch in Strömen zu regnen: Drei Tage und weitere 80 Oberammergauer – insgesamt 140 Mann – waren nötig, um den Berg zu bezwingen. Flaschenzüge wurden an Bäumen festgehängt, um die Zugkraft der Lokomotive zu unterstützen, die im nassen Untergrund eingesunken war. Endlich – am Abend des 14. August – war der Ettaler Berg überwunden.
Zwei Tote beim Transport des Johannes
Bei der Beförderung des Kreuzes war alles gut gegangen, doch beim Transport der Seitenfiguren kam es zur Katastrophe. Hierbei zog nicht die Straßenlokomotive die Last, sondern 32 Pferde (16 Paar) aus Oberau.
Das Unternehmen leitete der Steinmetzmeister Franz Xaver Hauser aus München. Am Sonntag, den 15. August, wurde der Wagen mit der 40 Zentner (= 2 Tonnen) schweren Johannesfigur den Ettaler Berg hinauf gezogen. Auf halber Höhe gönnte man den Pferden eine Rast.
Als man zur Weiterfahrt ansetzte, rutschte die Johannesfigur nach hinten und zerquetschte Hauser die Brust. Er war sofort tot. Der neben ihm gehende Tiroler Steinhauergeselle Joseph Kofelenz wurde ebenfalls getroffen – vom niederstürzenden Gebälk oder von der Figur? Man brachte ihn ins nahe Kloster Ettal, wo er unter schrecklichen Schmerzen am selben Abend verstarb.
Drei Versionen des Unfallhergangs
Der Unfall geschah auf halber Höhe bei der sog. „langen Höhle“. Über das Wie? und Warum? gibt es mehrere Versionen, die auf Zeitungsmeldungen und mündlichen Überlieferungen beruhen.
♦ Erste Zeitungsberichte unmittelbar nach dem Unglück machten Steinmetzmeister Hauser verantwortlich: Er habe das Unternehmen mit zuviel Eifer vorangetrieben, sich weder an Abmachungen gehalten (wonach eigentlich das Lokomobile die Figuren habe transportieren sollen) noch die heilige Sonntagsruhe respektiert. Er habe den Pferden zuviel abverlangt, die zuvor schon die „Maria“ und das Postament hinaufgebracht hatten. Hauser wurde auch der entscheidende Fehler zugeschrieben: Nachdem bei der Rast die Wagenräder mit Hemmblöcken gesichert waren, habe Hauser vergessen, bei der Weiterfahrt den Hemmblock hinter dem linken Vorderrad zu entfernen. Das linke Hinterrad fuhr darauf auf. Der Wagen kippte. Die Figur rutschte. So geschah das Verhängnis.
♦ Die erste Version wurde wenige Tage später u.a. in der Augsburger Abendzeitung revidiert, ausdrücklich zur „Richtigstellung“ und um Hauser nicht „zu seinem Unglücke noch eine üble Nachrede“ zuzufügen. Diese zweite Version berief sich auf eine „nächstbetheiligte Seite“. Danach habe sich der Unfall so zugetragen:
„Hauser hatte 4 Arbeiter beauftragt, bei dem jedesmaligen Halten des Wagens Buchenscheiter hinter die Räder zu legen. Da gerieth man ungefähr 20 Schritte von der Unglückstelle entfernt in ein Tags vorher von der Straßen-Lokomotive gerissenes Loch, welches nur locker mit Schutt ausgefüllt war. Man wußte aber dieses Hinderniß mittelst der [Seil-]Winde leicht zu überschreiten. Mit Handhabung derselben war einer jener Arbeiter betraut worden, welche die Räder mittelst der Scheiter zu sichern hatten. Während nun dieser, um bei weiterem Bedarfe bereit zu sein, die Winde hielt, bemächtigte sich einer der Zuschauer des Buchenscheites…
…legte dasselbe, als der Wagen nach circa 20 Schritten wieder zum Stehen kam, hinter das vordere linke Rad, ließ es aber, als sich der Wagen in Bewegung setzte, liegen, wodurch dann die bekannte Katastrophe herbeigeführt wurde. Dies geschah an einer Stelle, wo Niemand mehr an eine Gefahr dachte und alle erheblicheren Schwierigkeiten bereits überwunden waren.“
In dieser zweiten Version wird die Leistung der Pferde positiv (im Vergleich zum Lokomobile) hervorgehoben: „Der Transport mittelst Pferden erwies sich gegenüber der Leistungsfähigkeit der Lokomotive als verlässiger und schneller. Die Lokomotive hatte nämlich bei dem vorausgegangenen Transporte des Kruzifixes sich ihrer Aufgabe nicht ganz gewachsen gezeigt, weil sie, bevor sie die Höhe des Berges erreicht hatte, sich selbst nicht mehr fortbewegen konnte und selbst mittelst Flaschenzug hinaufgezogen werden mußte. Außerdem hatte dieselbe eine Beschädigung erlitten, die sie für den Transport der übrigen Figuren unbrauchbar machte. Der Transport mit den Pferden, die nicht überanstrengt wurden, geschah sicher und leicht und waren bereits der größte Theil und darunter die gefährlichsten Stellen des Berges überwunden, als der verhängnisvolle Unfall eintrat.“
♦ Eine dritte Version geht auf die Erzählung eines Klosterschülers von Ettal zurück, dessen Großvater beim Transport dabei war: Demnach sollen die Pferde beim Ansetzen zur Weiterfahrt geschwächelt haben, so dass der Wagen rückwärts rollte. Der Rückgang sei zwar durch Radschuhe gebremst worden. Aber durch den Halteruck sei ein Befestigungsseil der Johannes-Figur gerissen. Sie wurde rückwärts vom Wagen geschleudert und erschlug Hauser – mit solcher Wucht, dass die Figur nicht zum Stehen kam, sondern nochmals kippte. Dabei sei Kofelenz getroffen worden.
Die Inschriften des Denkmals am Kienbergweg-Alte Ettaler Straße lauten:
Hier starb / mitten in seiner rastlosen Thätigkeit / am 15. August 1875 / Herr Franz Xaver Hauser / Steinmetzmeister aus München /geboren am 15. April 1812 / zu Binswang in Tirol / Er wurde durch das Umstürzen / der zur Oberammergauer Kreuzigungs-/ Gruppe gehörigen Johannes Figur, / deren Transport er leitete, /getötet. / R.I.P.
Mit Ihm verunglückte sein treuer Gehilfe / Joseph Kofelenz / Steinhauer aus Mihl in Tirol u. starb nach 2 1/2 / stündigen schmerzlichen Leiden in Ettal. / R.I.P.
König Ludwig II. gedenkt der Toten
Ein Gedenkstein aus schwarzem Marmor an der Alten Ettaler Straße (siehe Ettaler Kienbergweg) erinnert an das tragische Unglück. Thomas Osterauer, der ab Mai 1885 Leibdiener und ständiger Begleiter Ludwigs II. war, berichtet in seinen Erinnerungen:
„Als wir an die Stelle kamen, wo seinerzeit beim Transport der Kreuzigungsgruppe der Steinmetzmeister Hauser aus München durch die Figur des Johannes erdrückt wurde, wurde angehalten, aus- und abgestiegen, und der König machte mich mit bedauerlichen Worten von dem Unglück bekannt. ‚Wir wollen‘, sagte er, ‚mit einem stillen Gebet des braven Mannes gedenken‘.“
Das Denkmal wurde am 20. Oktober 1875 errichtet. Zunächst stand darauf nur die Inschrift für Steinmetzmeister Hauser; Kofelenz, der Handwerksgehilfe, war mit keiner Silbe erwähnt. Das empörte manchen Einheimischen: War das Leben des Gesellen etwa weniger wert als das des Meisters? Man fand eine Kritzelei auf dem Stein, die den Misstand anprangerte: „Kofelenz, Du warst ein armer Wicht, darum gedenkt man Deiner nicht.“ Der Skandal gelangte in die Zeitung – und bald war die Inschrift für Joseph Kofelenz nachträglich angebracht. R.I.P.
Literatur u.a.:
- Hildebrand Dussler OSB: Geschichte der Ettaler Bergstraße (erw. und neu hrsg. v. Peter Bitzl, Laurentius Koch OSB und Heinz Schelle) Garmisch-Partenkirchen 1997 (Mohr – Löwe – Raute. Beiträge zur Geschichte des Landkreises Garmisch-Partenkirchen, Bd. 5), S. 88.
- Diverse Zeitungsberichte vom August 1875, insbesondere: Augsburger Abendzeitung, 23. Aug. 1875, Nr. 233, 3.
- Michael Sachs: Die Bergfahrt eines Monuments, in: Die Gartenlaube (46/1875), 775 – 778; Stich 773.
Empfohlene Zitierweise:
Heidi Korte, „Bergfahrt der Kreuzigungsgruppe. Mit Dampfkraft und 32 Pferden“, in: Königswege, URL: <https://koenigswege.bayern/bergfahrt-der-kreuzigungsgruppe>, zuletzt besucht am: [aktuelles Datum]








