Kochelsee (605 m) mit Herzogstand (1731 m) – Foto: HK

Bayerns Könige zu Gast

Kurhotel Bad Kochel

Bayerns Könige zu Gast

Kurhotel Bad Kochel

von Heidi Korte

In Kochel am See gingen im 19. Jahrhundert bayerische Könige ein und aus. Max II. liebte die Windhütte am Aspenstein. Ludwig II. hatte im „Bad Kochel“ dauerhaft Zimmer reserviert. Das noble Kurhotel führte Familie von Dessauer. Als die „Marienquelle“ entdeckt wurde, stieg Kochel zum Heilbad auf. Die Kurmittel konnten sich mit Bad Ems und Franzensbad messen. Zur Unterhaltung gab’s Feuerzauber am Kesselbergwasserfall. Nach einem Brand versiegte die Quelle. Beinahe wäre das königliche Mobiliar mit verbrannt…

Allerlei Kurmittel und Kochelsee-Schlamm

Eine zeitgenössische Beschreibung der Kurmittel des Dessauer’schen Bades stammt von dem Balneologen Ludwig Ditterich (1804–1874), den Max II. zum Münchener Universitätsprofessor berufen hatte. Ditterich war Fachmann für Heilbäder.

Seinem Bericht zufolge bot die Kochler Kuranstalt Trink-, Bäder- und Inhalationskuren mit dem Wasser der Marienquelle. Auch die Pfisterbergquelle, eine alte Sulz am Pfisterberg, wurde genutzt. Es gab Kuh- und Geißmolken zum Baden und Trinken; dazu allerlei frisch gepresste Kräutersäfte aus eigenen Gärten.

Die Anstalt verfügte über modernste Einrichtungen für Dusch-, Dampf- und Vollbäder. Besonders empfohlen: Moorbäder aus Kochelsee-Schlamm aufgebrüht mit Marienquellwasser. Sogar den Schlamm hatte Pettenkofer analysiert und eine Ähnlichkeit mit dem von Franzensbad gefunden. (Franzensbad war ein Kurort im böhmischen Bäderdreieck, beliebt beim europäischen Hochadel.)

Maultier-Touren, Wasserzauber und Schweizerei

Die Anreise von München nach Kochel war – mit Beginn der Dampfschifffahrt auf dem Starnberger See (1856) – einfacher geworden. Der Kocheler Tafernwirt Jakob Fink unterhielt einen Stellwagenbetrieb, der täglich Gäste vom Seeshaupter Dampfersteg nach Kochel brachte.

Für sein Restaurant engagierte Dessauer den „wohlbekannten Oberkellner Jakob Kopp vom bayerischen Hof“ aus München. Ruderkähne standen bereit sowie Maultiere, um auch weniger sportliche Gäste auf die Berge zu bringen. Man organisierte Bootsausflüge zum Felsenkeller bei Schlehdorf und – besonders spektakulär – Mondscheinfahrten zu den Kesselbergwasserfällen mit bengalischer Beleuchtung und Feuerzauber.

Unweit davon hatte Dessauer eine „Schweizerei“ erschaffen, zur Molkenherstellung und als Touristenattraktion. Die Dessauer’sche „Geiß-Alm“ ist heute verfallen, aber noch in Wanderkarten eingetragen. Sie liegt auf knapp 900 m am Ausläufer des Sonnenspitz (1269 m).

In Bad Kochel waren viele Kurmittel geboten (Mondschein-Lithographie AK gel. 1900 – Sammlung HK)

Im 19. Jh. brachte man Sommerfrischler mit Maultieren zum Berg (AK gel. 1899 – Sammlung HK)

Kurioses Erlebnis eines Wanderers im Kurhotel (1871):

Nach wenigen Minuten stehen wir zwischen den zwei großartigen Gebäuden des „Bades Kochel“. Befrackte Kellner, schrille Hotelglocken, elegante Herren und Damen und pikanter Küchenduft überzeugen uns, daß hier ländliche Stille und Einfachheit nicht zu Hause sind. Für verwöhnte Seelen ist dort ein trefflicher, empfehlenswerther Aufenthalt. (…)

Wir treten ohne weiteres in den Speisesaal, um am eben beginnenden Diner Theil zu nehmen. Der anwesenden feinen Gesellschaft scheint unsere touristische Toilette freilich nicht zu behagen, eine unverschämte beafsteaksbärtige Kellnerseele mißt uns sogar mit geringschätzigem Blick, aus dem wir den Zweifel an unserer Zahlungsfähigkeit herauslesen, aber all‘ das genirt uns wenig.

Das feine Diner schmeckt nach sechsstündigem Luftbade doppelt gut. Den Kellner söhnt ein auf die Zeche gelegtes „Douceur“ mit unserem unsalonmäßigen Auftreten ebenso gut aus als den jungen Aristokraten neben uns unser Diskurs, zu dem er sich herabließ, und aus dem er, wie es schien, mehr Kenntnis der Gegend schöpfte, als er sich während seines sechswöchigen Aufenthaltes selbst aneignen konnte. Er will sogar nähere Freundschaft mit uns schließen und lädt uns zu diesem Behufe ein, hier Villeggiatur zu nehmen.

Er schildert uns mit beredten, vermuthlich einer Empfehlungsanzeige der Badedirection entnommenen Worten, die Heilkraft der Kocheler Quellen, die „nach Pettenkofer’s Analyse die stärksten und reinsten kalten Sodaquellen Mitteleuropa’s“ seien. Ems, Vichy etc. wären nichts dagegen. Wir versichern ihm, daß wir, vollkommen gesund, kein Bedürfniß darnach fühlen und bedeuten ihm auf’s Höflichste, daß uns andere Ziele gesteckt seien.

Er läßt sich aber nicht abtreiben und macht uns sehr naiv auf die wohlthätige Wirkung aufmerksam, welche Molken, Kräutersäfte, See-, Dampf-, Fichtennadeldekokt- und Reichenhaller Mutterlaugen-Extractbäder auch schon auf Gesunde übten. Er behauptet, „die Kocheler Moorbäder könnten sich kühn mit denen Franzensbads messen“ u.s.w., so daß wir uns fast versucht fühlten, ihn für einen bezahlten Agenten des Bades zu halten, wenn nicht in demselben Momente seine hocharistokratische Mama ihm einen bedeutsamen, abwehrenden Blick zugeschleudert hätte.

Und wir waren der Dame dankbar für diesen Blick, denn er befreite uns aus einer Situation, die für freiheitslustige Touristen peinlich zu werden anfing.

– Emil Auer, Natur- und Lebensbilder vom Kochel- und Walchensee, in: Der Alpenfreund, hrsg. von Eduard Amthor, 1871.

Literatur u.a.:

  • Emil Auer: Natur- und Lebensbilder vom Kochel- und Walchensee, in: Der Alpenfreund. Monatshefte für Verbreitung von Alpenkunde unter Jung und Alt in populären und unterhaltsamen Schilderungen aus dem Gesammtgebiet der Alpen, hrsg. von Eduard Amthor, Dritter Band, Gera 1871.
  • Gottfried von Böhm: Ludwig II. König von Bayern. Sein Leben und seine Zeit, Berlin 1924.
  • Hans Demleitner: Kochel a. See, (Selbstverlag) Kochel 1985.
  • Ludwig Ditterich, Bayerns Mineralquellen und Kurorte: Kochel. (Teil 1), in: Morgenblatt zur Bayerischen Zeitung, 13. Juli 1864, Nr. 191.
  • Jost Knauss, Siegfried Zauner: Der Herzogstand zwischen Kochel- und Walchensee. Alte und neue Informationen zur Geschichte des berühmten Berges, Kochel a. See 2010 (Mitteilungen des Vereins für Heimatgeschichte im Zweiseenland Kochel e.V.).
  • Mario Praxmarer, Peter Adam: König Ludwig II. in der Bergeinsamkeit von Bayern und Tirol, Garmisch-Partenkirchen 2002, S. 34.
  • Franz Paul Zauner: Oberammergau und Umgebung. Geschichtlicher Führer, Kempten 1922, S. 76.

Empfohlene Zitierweise:

Heidi Korte, „Kurhotel Bad Kochel. Bayerns Könige zu Gast“, in: Königswege, URL: <https://koenigswege.bayern/kurhotel-bad-kochel>, zuletzt besucht am: [aktuelles Datum]

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