Der Forggensee mit Panorama der Allgäuer Alpen (Foto: H.K.)

Aufenthalte im Gebirge nach Programm

Bergfahrten Ludwigs II.

Auf dem Weg von Steingaden nach Hohenschwangau (Foto: H.K.)

Aufenthalte im Gebirge nach Programm

Bergfahrten Ludwigs II.

Die Gebirgsaufenthalte Ludwigs II. waren keine unberechenbare Fluchten, durch die der König sich unerreichbar gemacht hätte, um Regierungsgeschäften zu entgehen. Seine Bergfahrten folgten einem Programm, das ab etwa 1875 entgültig feststand und bis zu seinem Tod 1886 alljährlich konsequent durchgeführt wurde. Dadurch stand der König für Regierungsgeschäfte jederzeit planbar zur Verfügung. Den Sitz des Kabinettssekretariats ließ er – in gebührendem Abstand – mitwandern.

Franz Merta: Itinerar Ludwigs II.

Einer enormen Fleißarbeit von Franz Merta verdankt die Ludwig-Forschung ein nahezu lückenloses Itinerar Ludwigs II., also eine Übersicht über seine Aufenthaltsorte mit Datum. Demnach reiste der König den größten Teil des Jahres – einem straffen, immer gleichen Programm folgend – wie ein Reisekönig von Ort zu Ort. Nicht nur seine Schlösser, sondern auch seine Gebirgshäuser (wie Hochkopfhütte, Herzogstandhäuser, Kenzenhütte, Soiernhaus, Tegelberghaus, Schachenhaus, Königshaus Vorderriß u.a.) nutzte der König regelmäßig als Bergresidenzen.

Keine Vernachlässigung der Staatsgeschäfte

Merta erarbeitete das Itinerar anhand tausender privater und amtlicher Schriftstücke. Die Unterschriften des Königs – jeweils mit Ort und Datum – belegen zudem, dass Ludwig II. seinen Regierungsgeschäften ordentlich und pflichtgemäß nachkam – auch in den Bergen. Merta schlussfolgert: „Der Vorwurf der Pflichtvernachlässigung gegen Ludwig II. entbehrt jeder tatsächlichen Grundlage.“

Forggensee mit Alpenpanorama (Foto: H.K.)

Von spontanen Ausflügen zum fixen Programm

Bis etwa 1871 unternahm der jugendliche Ludwig eher spontane, ausgedehnte und ziemlich sportliche Reitausflüge ins Gebirge, wenn keine Geschäfte anlagen. Danach gab der König seinen Ausflügen einen immer festeren Rahmen. Er überließ nichts mehr dem Zufall oder der Laune. Allen Orten, die ihm wichtig waren, wurde im Jahresverlauf eine angemessene Aufenthaltszeit zugemessen – von der Münchener Residenz bis zur einfachsten Berghütte. Offenbar wurde anfangs experimentiert.

Ab ca. 1875 scheint Ludwig die zweckmäßige Reihenfolge und günstige Zeitplanung gefunden zu haben, die er weitgehend beibehielt. Geringfügige Änderungen ergaben sich durch den Baufortschritt der Schlösser. Den neuen Wohnsitzen wurde natürlich auch ein Platz im Aufenthaltsplan eingeräumt (ab 1878 Linderhof, ab 1881 Herrenchiemsee, ab 1884 Neuschwanstein), wofür hauptsächlich die Aufenthaltsdauer in Berg und Hohenschwangau gekürzt wurde.

Diszipliniertes Regieren von Bergresidenzen aus

Bis zu seinem Tode 1886 führte Ludwig II. das Bergfahrtenprogramm alljährlich, konsequent und beharrlich durch. Seine Lebensgestaltung entwickelte sich von jugendlicher Spontaneität hin zu planerischer Ordnung. Der König verwirklichte zwar unbeirrt sein unkonventionelles Bedürfnis nach Aufenthalt im Gebirge. Aber – durch berechenbare Zeit- und Aufenthaltspläne – fand er einen Weg, auch den Regierungsgeschäften  nachzukommen. Weder ungünstige Wetterverhältnisse noch der zunehmende Touristenrummel konnten ihn davon abhalten, sein straffes Programm abzuspulen. Das zeigt, dass den König – bis zum Schluss – ein hohes Maß an Disziplin und Organisationstalent auszeichnete.

Merta kommt zu dem Fazit: „Für Chaos, Planlosigkeit, Unberechenbarkeit, Launenhaftigkeit – Merkmale also, die auf eine Geistesgestörtheit hindeuten könnten – bietet das Itinerar keine Anhaltspunkte.“

Das Bergfahrtenprogramm König Ludwigs II.

1. Bergfahrt im Mai

Isarwinkel – Walchensee:

  • Königshaus Vorderriss
  • Hochkopfhütte

2. Bergfahrt im Juni

Ammergebirge:

  • Brunnenkopfhäuser
  • Pürschlinghäuser
  • Halbammerhütte

3. Bergfahrt im Juni/Juli

Walchensee – Vorkarwendel:

  • Herzogstand
  • Soiernhaus
  • Grammersberg

4. Bergfahrt im Juli/August

Ammergebirge – Schwangau:

  • Kenzenhütte
  • Schloss Hohenschwangau
  • Tegelberghaus

5. Bergfahrt zum 25. August

Werdenfelser Land:

  • Königshaus am Schachen

6. Bergfahrt im September

Werdenfelser Land:

  • Königshaus am Schachen

7. Bergfahrt im Oktober

Isarwinkel:

  • Königshaus Vorderriss

Literatur u.a.:

Franz Merta, Die Aufenthalte des Königs in den Residenzen, Schlössern und Berghäusern [incl. jährliche Aufenthaltsübersicht], in: Hans Rall, Michael Petzet, Franz Merta (Hg.), König Ludwig II. Wirklichkeit und Rätsel, Regensburg, 3. Aufl. 2005 (1968), 153ff.

Franz Merta, König Ludwig II. von Bayern als Alpinist und Naturfreund, in: Alpenvereinsjahrbuch „Berg ’91“, München 1991, 251 – 268.

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